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(Un-)Gleichheit der Religionen

Was das Christentum einzigartig macht

Religionen sind – wie schon das lateinische Wort «religio» nahelegt – Rückbindungen, Denk- und Lebenssysteme zur Verehrung des Göttlichen und zu einem Leben gemäss dem Willen der Götter. In Entsprechung dazu entwickeln sie Unterscheidungen. Ungleichheiten werden eher hervorgehoben als Gleichheit. Gedanken dazu von Prof. Harald Seubert.

Prof. Dr. phil. habil Harald Seubert
Quelle: zVg

Schon in den Stammesreligionen wird etwa zwischen dem Heiligen und dem Profanen unterschieden. Menschen, Dinge und Orte werden danach klassifiziert, ob sie der göttlichen Sphäre näher oder ferner stehen. Eine gesteigerte Form der Ungleichheit findet man in Religionen, die wie der japanische Shintoismus oder der chinesische Konfuzianismus das eigene Volk in den Brennpunkt der Religiosität stellen: Zwischen dem Reich der Mitte und anderen Völkern bestehen strenge Grenzen. Nur das eigene Volk ist dem Himmel nahe.

Kasten im Hinduismus

Hierarchisch und auf Ungleichheiten begründet ist oft auch die Ordnungspyramide der Gesellschaft. Dies zeigt sich bis heute im Hinduismus und seinem Kastenwesen. Auch wenn neuhinduistische Denker einen modernen Hinduismus ohne dieses Element vertreten, können in der Realität enge Beziehungen wie Eheschliessungen nicht über Kastengrenzen eingegangen werden. Die Ungleichheit spitzt sich darin zu, dass die Unberührbaren keiner Kaste angehören dürfen. Reinheit und Unreinheit sind in vielen Religionen mit Gleichheit oder Ungleichheit verbunden: Nur der Umgang mit Gleichen ist dem Reinheitsgebot gemäss. Die Ungleichheit setzt sich deshalb in hinduistischen Ritualen bis in das tägliche Leben fort, etwa im Verhältnis zwischen Gebendem und Beschenktem. Der Beschenkte kann sich nicht rein freuen, denn er nimmt auch die Anhaftungen und damit die Unreinheiten des Schenkenden mit der Gabe zugleich entgegen.

Erleuchtung im Buddhismus

Der Buddhismus, der sich gegen die Kastenordnung des Hinduismus wandte und den Erlösungsweg allen Menschen ermöglichte, stiftete andere, nicht weniger schwerwiegende Ungleichheiten: Die Grenzlinie verläuft nun zwischen dem Erleuchteten und dem Unerleuchteten, der noch mit Erdenschwere bedeckt ist. Deshalb spielen in allen Formen des Buddhismus bestimmte herausragende Lehrer, Gurus, eine entscheidende Rolle. Nur durch die Teilnahme an ihrer Erleuchtung finden auch andere ihren Erlösungsweg. Der Buddhismus erfordert den herausgehobenen Stand der Mönche oder Weisheitslehrer. Sie wurden seit den Anfangszeiten Gautamas von Laien versorgt. Auch Könige und hohe Herren förderten den Buddhismus, um an diesem Charisma Anteil zu haben.

Frieden und Krieg im Islam

Die strikte Trennung zwischen «Gläubigen» und «Ungläubigen» ist im Islam und seinem Heiligen Buch, dem Koran, besonders stark ausgeprägt. Unterschieden wird zwischen dem «Haus des Friedens», der Gemeinschaft der Muslime, und dem «Haus des Krieges», der Welt der Ungläubigen. Dazwischen stehen die Schriftbesitzer: Juden und Christen, deren Heilige Schriften eine Wahrheit enthalten. Diejenigen, die an sie glauben, nehmen einen Sonderstatus ein und leben unter dem Schutz der Islamgläubigen.

Christus entzieht Ungleichheit den Grund

Gewiss lebt auch das Judentum aus der Unterscheidung von den Völkern (Gojim), gewiss beruft es sich auf die exklusive Erwähltheit durch den Bund mit Gott. Doch die Universalität menschlicher Würde aufgrund der Gottebenbildlichkeit ist bereits mit dem Schöpfungsbericht im Buch Genesis gegeben. Im christlichen Glauben an die Liebe und Zuwendung Gottes für alle Menschen ist dieser Bund Gottes mit den Menschen universal geworden. Dass das Evangelium «des Gesetzes Erfüllung» ist, bedeutet nicht zuletzt, dass allen Ungleichheiten der Grund entzogen ist. Christliche Gleichheit ist Kern jener Heilsbotschaft des Friedens in der Christnacht, die allen Menschen den Frieden auf Erden bringt. Der universale Wille Gottes, dass allen Menschen das Heil zuteilwird, durchbricht die Grenzen der Ungleichheit. Er durchbricht auch die Logik der Religion. Denn hier schenkt sich Gott selbst.

Über den Autor

Harald Seubert, Prof. Dr. phil. habil, ist Ordentlicher Professor für Philosophie, Religions- und Missionswissenschaft an der STH Basel. Er ist Autor von ca. 20 Büchern über Grundfragen von Philosophie, Theologie und Religion. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

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