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Als Moschee umgewidmet

Hagia Sophia – ein Symbol politischer Macht

Sie ist eines der prägnantesten Bauwerke Istanbuls: die Hagia Sophia. Am 24. Juli fand in ihrem bis dahin als Museum geöffneten Kuppelsaal wieder ein muslimisches Freitagsgebet statt. Die Hagia Sophia ist seitdem wieder eine Moschee. Dazu ertönen aus der ganzen Welt Zustimmung sowie Empörung. Dabei hatte das Gebäude schon immer eher politische als religiöse Bedeutung.

Hagia Sophia in Instanbul (Türkei)
Quelle: © QuartierLatin1968 / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte diesen Schritt bereits seit einer Weile angekündigt: Die Hagia Sophia sollte wieder eine Moschee werden. Medienwirksam eröffnete er mit Hunderten geladenen Gästen – und Tausenden vor den Toren des Gebäudes – den wieder als Moschee genutzten Prachtbau. Die letzten Jahre über wurde die Hagia Sophia renoviert. Davon war bei der Eröffnungsveranstaltung nichts mehr zu sehen. 4'000 Quadratmeter Teppich wurden verlegt, die Moschee erstrahlte im neuen Glanz – und ihre berühmten christlichen Mosaiken verschwanden hinter einem Gardinensystem.

Ein symbolträchtiges Datum

Die letzten 85 Jahre war die Hagia Sophia ein Museum – und eine der touristischen Attraktionen am Bosporus. Dass ihre Umwidmung als Moschee ausgerechnet an einem 24. Juli geschieht, ist allerdings kein Zufall: Vor 97 Jahren, am 24. Juli 1923, wurde der Friedensvertrag von Lausanne unterschrieben. Das war die Geburtsstunde der türkischen Republik. Mustafa Kemal Atatürk gründete damit die moderne Türkei als laizistischen Staat (= strenge Trennung von Staat und Religion). So ist die Wiedereinweihung der Hagia Sophia als Moschee ein deutliches politisches Signal: Sie beendet eine Ära und unterstreicht Erdogans Willen, zurück zu einer islamischen Gesellschaft zu steuern.

Geschichtliches Hin und Her

Aber was ist oder war die Hagia Sophia ursprünglich, Kirche oder Moschee? Orthodoxe Muslime feiern die Rückkehr zum Islam als grossen Sieg, doch in ihrer gesamten Geschichte war der Prachtbau eher politisches als religiöses Bauwerk.

395 nach Christus zerbrach das Römische Reich in das Weströmische Reich mit Rom als Hauptstadt und das Oströmische Reich mit Konstantinopel als Zentrum. Als sichtbares Zeichen des neuen Zentrums des christlichen Glaubens im Osten wurde die Hagia Sophia ab 532 als prächtige Kathedrale gebaut, eine Kirche, «wie es sie seit Adams Zeiten nicht gegeben hatte und wie es sie niemals wieder geben würde» (Wikipedia). 1453 wurde Konstantinopel durch die Osmanen erobert. Und der damalige Sultan Mehmet II. wandelte die Kirche in eine Moschee um. Der Zentralbau blieb erhalten, die Minarette, die das Aussehen heute noch bestimmen, wurden ergänzt. Wie bereits erwähnt, folgte 1934 unter Atatürk die Säkularisierung der Gebäude. Sie wurden zum Museum. Auch dies war ein Akt der Symbolpolitik: Die moderne Türkei war ein säkularer Staat. 1985 wurde sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Eine Kirche oder eine Moschee sind in erster Linie Gebetsstätten und Orte der Verkündigung. Das war und ist die Hagia Sophia nur begrenzt. In ihrer gesamten Geschichte sollte sie in erster Linie die Vorherrschaft und den Einfluss der Muslime bzw. Christen unterstreichen, während sie sie «betrieben».

Angst vor den nächsten Schritten

Warum ist die mediale Aufregung zurzeit so gross? Es geschieht doch immer mal wieder, dass Kirchen in Moscheen umgewidmet werden, so wie 2018 die ehemalige Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn.

Zum einen sehen die Kritiker – das evangelische Nachrichtenmagazin idea zählt eine ganze Reihe von ihnen auf – Erdogans Schritt im Zusammenhang mit vielen Veränderungen im türkischen Raum: Wachsen der Unfreiheit, Rückkehr zu einer islamischen Republik, Verfolgung von Minderheiten wie Christen.

Zum anderen ist dieses Gebäude das, was es schon immer war: ein Symbol der Macht. Und niemand lässt sich gerne als Verlierer vorführen. Das ging vielen Muslimen so, als sie die Moschee an Atatürk abgeben mussten. Und das geht jetzt vielen Christen so, die dieser Tage den Imam Ali Erbaş mit dem Schwert in der Hand an der «Minbar», der Kanzel der Moschee, sehen.

Lächelt der Pantokrator?

Kein Zweifel: Die Situation der Menschen in der Türkei ist angespannt. Besonders derjenigen, die anders denken und glauben als die amtierenden Politiker. Das ist sicher ein Grund, zu agieren und zu reagieren, ein Grund, Stellung zu beziehen.

Zwei Dinge gibt es dabei auf jeden Fall zu bedenken: Als Christen haben wir oft eine Vorliebe für Gebäude. Es ist tragisch, wenn Notre Dame in Paris abbrennt. Es ist ein echter Rückschritt, wenn aus dem Kulturgut Hagia Sophia eine Moschee konstruiert wird. Aber die eigentlichen Probleme des Lebens und Glaubens sind doch ganz andere.

Ausserdem gibt es da noch die Mosaiken in der ehemaligen Kathedrale. Zum Beispiel das Bekannte von Christus als dem «Pantokrator», dem Weltenherrscher. Deutlich kleiner sind daneben Kaiser und Herrschende des ersten Jahrtausends abgebildet. Bei manchen von ihnen wurde übrigens im Laufe der Zeit das Gesicht und der danebenstehende Name angepasst. Sprich: Sie wurden ausgewechselt. Eine passende Botschaft, oder? Die Herren unserer Welt kommen und gehen, aber Christus bleibt. Sogar über wechselnde Besitzverhältnisse hinweg.

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