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Fremdenangst

Ursachen für ein weit verbreitetes Phänomen

Im Blick auf Flüchtlinge fragen sich viele Menschen: Wie viele Fremde kann unsere Gesellschaft verkraften? Wie viel Verschiedenheit halten wir aus? In seinem Buch «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen» wirft Anselm Grün einen Blick auf das Anderssein. Geschichtlich, psychologisch und vom Glauben her zeigt er einen angstfreien Umgang mit dem Fremden.

Flüchtlinge (Symbolbild)
Quelle: © Gémes Sándor/SzomSzed / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
Pater und Autor Anselm Grün
Quelle: Flickr
Das Buch «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen» von Anselm Grün
Quelle: vier-tuerme-verlag.de

Pater Anselm Grün (72) beginnt sein Buch mit einer weitgehend neutralen Situationsbeschreibung. Der Titel «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen – Vom Umgang mit der Angst vor dem Fremden» zeigt zwar, dass er durchaus in eine bestimmte Richtung gehen möchte, aber am Anfang steht das Verständnis. Grün beschreibt die Willkommenskultur und engagierte ehrenamtliche Helfer. Genauso nennt er Menschen, die sich in ihrer Strasse nicht mehr daheim fühlen, die irritiert sind von Machogesten und Angst haben vor einer Islamisierung der Gesellschaft. Sein Ansatz ist eine alte Mönchsregel: «Wir sind nicht verantwortlich für die Gefühle, die in uns auftauchen, sondern nur dafür, wie wir damit umgehen».

Ein Blick in die Geschichte

Fremde hat es schon immer gegeben – und sie wurden auch schon immer als unheimlich oder beängstigend empfunden. Anselm Grüns schmales Buch enthält keine erschöpfende Geschichtslektion, doch er setzt einige nachdenkenswerte Akzente. So zeigt er, wie Fremdheit bereits in der Antike durch Gastfreundschaft überwunden wurde. Dabei ignoriert er nicht gesellschaftliche Verwerfungen und langjährige Schwierigkeiten, die dies mit sich bringen kann. Er betont allerdings die Chance, «dass etwas Neues entsteht, das nicht schlechter ist, sondern reicher als das Bisherige». Ein bisschen Mitgefühl und Verständnis für Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Einsamkeit von Geflohenen verhindert keinen Terrorismus. Das ist Anselm Grün klar. Doch mittelfristig sieht er keine Alternative zu Gastfreundschaft und dem Gewinnen von neuem Selbstbewusstsein, um Menschen nicht in radikaleres Denken zu treiben.

Psychologische Hilfestellung

Anselm Grün ist dafür bekannt, dass er Bibel und Psychologie sich wechselseitig erklären lässt. So ist es kein Wunder, dass der folgende Abschnitt den breitesten Raum im Buch einnimmt: Er will Fremdenangst angehen, indem er zeigt, wie man sich dem Fremden in sich selbst stellt. Grüns Vorbilder sind dabei die Psychologen Arno Gruen und C. G. Jung. Der eine betont, dass es eine Wurzel von Fremdenhass und -angst ist, im Fremden etwas abzulehnen, was man selbst nicht ausleben konnte und durfte. Der andere unterstreicht, dass Fremde uns den eigenen «Schatten» zeigen – die Seite unserer Persönlichkeit, die wir gern verdrängen würden. Etwas psychologische Vorbildung ist von Vorteil, wenn man dem Autor auch in die Details folgen möchte, doch das Ganze ist allgemeinverständlich und praktisch genug, dass jeder etwas mitnimmt, der sich auf den Blick in den Spiegel einlässt. Die Sichtweise von Grün bleibt auf die Innerlichkeit beschränkt – politische oder gesellschaftliche Lösungen haben fast keinen Raum –, aber gerade in diesem Erstnehmen von Gefühl und Befindlichkeit liegt die grosse Stärke seines Ansatzes.

Aktuelle Herausforderungen

Sehr praktisch beschreibt der Benediktinerpater zum Schluss, wie ein reflektiertes Helfen stattfinden kann, wie sie als Mönche sich selbst engagiert haben und dass bei aller Notwendigkeit eines eigenen Standpunktes der Dialog mit anderen Religionen entscheidend ist, um Ängste zu überwinden. Den vielleicht stärksten Fokus auf die Bibel legt Grün in seiner «Fremdenethik». Mit dem Punkt «Aufwachen» zeigt er den christlichen Glauben als eine Schule des Hinsehens und Sehens. «Du sollst dir kein Bildnis machen» überschreibt für ihn mehr als das Verhältnis zu Gott: Es geht um vorurteilslose Annahme. Auch das Konzept der «Gastfreundschaft», das sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht, erwähnt er noch einmal.

Fazit

«Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen» ist kein Plädoyer für ein stärkeres Engagement für Flüchtlinge. Es eröffnet vielmehr den Blick für eigene und gesellschaftliche Ursachen von Fremdenangst. Es hilft dabei, diese psychologisch und geschichtlich einzusortieren und damit die eigene Identität besser zu entfalten. Anselm Grün hat ein Selbsterfahrungsbuch der besonderen Art geschrieben.

Pater Anselm Grün zählt zu den profiliertesten spirituellen Autoren im deutschsprachigen Raum. Über Konfessionsgrenzen hinweg bieten seine Bücher Lebenshilfe aus psychologischer und christlicher Perspektive.

Anselm Grün: Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen – Vom Umgang mit der Angst vor dem Fremden. Vier-Türme-Verlag, 160 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-7365-0070-9. Euro 19,90.

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