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Michaela Sutter

«Zu wenige Christen holen sich professionelle Hilfe»

Die ausgebildete Sozialbegleiterin Michaela Sutter baut gegenwärtig ein Wohnprojekt auf. In der «Wohnfamilie Destiny» sollen bis zu fünf begleitete Wohnplätze angeboten werden, unter anderem für leichte Alltagsbegleitung bis hin zu Notsituationen, wie Michaela Sutter im Interview mit Livenet erklärt.Livenet: Michaela Sutter, Sie planen ein Wohnprojekt für Menschen in schwierigen Situationen, was genau planen Sie?

Michaela Sutter
Quelle: zVg
Michaela in Gesellschaft
Quelle: zVg


Michaela Sutter: Dieses Wohnprojekt trägt den Namen «Wohnfamilie Destiny». Den Namen Destiny (Schicksal) gab ich dem Projekt, weil ich glaube, wer seine Bestimmung kennt und in ihr läuft, der wird auch sein wahres Potential erkennen und darin aufgehen. Wer weiss, was seine Bestimmung in Gott für sein Leben ist, der wird eine Perspektive haben, sowie Hoffnung und Kraft, sich dafür einzusetzen.  

Geplant ist, dass sich die Wohnfamilie Destiny in einem Haus oder einer Wohnung befinden wird, in der etwa vier bis fünf begleitete Wohnplätze angeboten werden können. Das Angebot wird von leichter Alltagsbegleitung über Notsituationen und enger Bezugspersonenarbeit bis hin zu Starthilfe in einer ersten Wohnform ausserhalb des Elternhauses reichen. Zentral ist, eben gerade diese unterschiedlichen Lebensabschnitte als Ressource zu nutzen. Betreut und geleitet wird das Projekt dieser Wohngemeinschaft durch mich, als ausgebildete Sozialbegleiterin, mit Unterstützung durch freiwillige Helfer.  

Was ist die Vision hinter diesem Wohnprojekt?
Meine Vision ist es, einen Ort der Geborgenheit zu schaffen, an dem man Halt und Sicherheit findet, gemeinsam den Weg bestreitet, der geprägt von Wertschätzung und Nächstenliebe ist. Einen Ort, der nicht einfach ein Ort ist, sondern ein Zuhause! Mein Traum ist es, einen sicheren, authentischen Rahmen für junge Menschen zu schaffen, an dem sie voneinander lernen und profitieren können, wertvolle Lebenserfahrungen machen und zusammen im Alltag wachsen dürfen.

Junge Menschen brauchen die Möglichkeit, sich zu entfalten. Gerade heute, in unserer sehr schnelllebigen Zeit mit vielen Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft an uns, ist es mir wichtig, Zeit zu geben, den eigenen Weg zu finden, eigene Visionen zu entwickeln, sich mit den eigenen Werten auseinander zu setzten, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, Verantwortung zu übernehmen lernen und Schritt für Schritt Richtung Selbständigkeit zu gehen. Dabei dürfen auch Fehler gemacht werden. Unabhängig davon dennoch mit allen Ressourcen oder Schwächen ein liebevolles, wertschätzendes Zuhause zu haben.

Jeder Mensch braucht ein konstantes, vertrauensvolles Umfeld, in dem er sich fallen lassen darf. Besonders für junge Menschen ist es von Bedeutung, Bezugspersonen zu haben, bei denen sie sich nicht beweisen müssen, sondern bedingungslose Annahme erleben. Zudem ist es mir ein wichtiges Anliegen, Ressourcen und Gaben in jedem Einzelnen zu fördern, Selbst- und Sozialkompetenzen zu stärken, Umgang mit Konflikten und Krisen zu erlernen sowie einen persönlichen Weg zu finden, mit schwierigen Alltagssituationen, Stress oder kritischen Lebensereignissen umzugehen.   

Wie ist das Ziel entstanden, sich auf diese Weise zu engagieren?
Ich arbeite seit einigen Jahren vollzeitlich für die Hilfsorganisation Open Arms, welche von Demetri Betts und Damaris Kofmehl gegründet wurde. In diesem Rahmen bin ich Leiterin einer Jugendarbeit, die sich «Heartbeat» nennt. Als Sozialbegleiterin arbeite ich sehr bedürfnisorientiert. Ich richte mich nach den Wünschen, Visionen und Anliegen der Jugend aus. Durch Gespräche mit den Jugendlichen, deren Eltern, Fachpersonen wie auch ehemaligen Jugendheimbewohnern, wurde immer wieder das Bedürfnis einer Wohngemeinschaft an mich herangetragen. 

Bereits die Jugendarbeit ist ganz stark auf Werten wie Hoffnung, Liebe, Glaube, Geduld, Wertschätzung und Akzeptanz aufgebaut. Neue Teilnehmer werden bedingungslos aufgenommen, egal woher sie kommen, was sie getan haben oder wie sie aussehen. Wir ermutigen uns gegenseitig, beten füreinander und stehen in harten Zeiten füreinander ein. Ich sehe einen solchen Zusammenhalt, besonders in der heutigen Zeit, sehr selten. Er ist von Gott gegeben und bewegt mich selbst immer wieder aufs Neue. Gespräche ergaben sehr oft, dass der Wunsch nach einer Wohnform besteht, die auf denselben Werten und Grundlagen wie unsere Jugendarbeit aufgebaut ist und zusätzlich Unterstützung im Alltag bietet. Somit basiert diese Vision auf einem sich immer deutlicher herauskristallisierendem Bedürfnis, einer Wohnform, welche in dieser Art bisher noch fast gar nicht existiert.        

Was haben Sie bisher in diesem Bereich getan?
Ich begleite und fördere junge Menschen in ihrem individuellen Prozess der Selbstfindung und der Sinnsuche, der Gemeinschaftsfähigkeit und Eigenverantwortung. Konkret zählen zu den wichtigsten Anliegen, dass ich junge Leute, die oft am Rande der Gesellschaft stehen, begleite und sie im Erreichen ihrer Ziele unterstütze.

Welche Rolle spielt der christliche Glauben beim Wohnprojekt?
Nebst dem Leben und Vermitteln von christlichen Werten ist mir als Sozialbegleiterin auch das professionelle Arbeiten sehr wichtig. Mich fasziniert das Zusammenführen vom christlichen Glauben mit dem professionell erlernten Fachwissen sehr. Oft sind diese beiden Seiten, wunderbar verknüpfbar und unterstützen sich gegenseitig. Somit verwende ich oft Konzepte der sozialen Arbeit und untermale sie mit der Liebe Gottes und der von ihm vorgesehenen Bestimmung für jeden Einzelnen.

Ich bin der Überzeugung, dass das alleinige Hoffen und Warten auf Gottes Hilfe in einer schwierigen Lebenslage nicht die einzige Lösung ist und in meinen Augen zu wenige Christen in Notsituationen den Schritt zur professionellen Hilfe wagen. Genauso bin ich aber auch der Überzeugung, dass die alleinige professionelle Unterstützung einer Fachperson und das Ausklammern der Liebe, Vergebung und Hoffnung Gottes nicht ans Ziel führen werden. Aus diesem Grund arbeite ich leidenschaftlich und mit vollem Herzen auf der Brücke, welche die beiden sehr wichtigen Seiten vereint.  

Welche Momente bewegen Sie besonders in Ihrer Arbeit?
Mich bewegen die Lebensgeschichten junger Menschen, die so oft unter den Tisch gekehrt oder nicht erzählt werden. Geschichten voller Schmerz und Ohnmacht, die hoffnungslos scheinen, sich aber immer wieder in unglaublich kräftige und positive Zeugnisse verwandeln. Ich habe in den letzten Jahren so viel gesehen, so viel gehört und miterlebt. Ich bin jungen Menschen begegnet, die von der Gesellschaft bereits aufgegeben oder als nicht fähig abgestempelt wurden, Menschen, die auf der Strasse leben, drogenabhängig sind, Missbrauch und Gewalt erleben. Mich begeistert und fasziniert es immer wieder aufs Neue, was Gott in den Leben dieser Menschen alles bewirken kann. Ich habe das grosse Privileg, sie an der Hand nehmen zu dürfen, ihnen Mut zuzusprechen und ihnen zu sagen: «Gib nicht auf!» Oft bewegt nur schon alleine die bedingungslose, nicht verurteilende Liebe in den Herzen dieser Menschen Grosses. Mich berührt es, den Lebensweg dieser Jugendlichen bis hin zum Erwachsenwerden mitzuerleben. Immer wieder staune ich über die grossen Veränderungen in ihren Leben und erlebe, wie sie sehr oft selbst zu helfenden Händen werden für Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben.

Eine junge Frau, die lange drogenabhängig war und sich heute in der Obdachlosenhilfe freiwillig betätigt, sagte mir kürzlich: «Mica, du hast so viel in meinem Leben bewegt. Mit deiner Hilfe konnte ich es nun an den Punkt schaffen, an dem ich heute bin. Ich verdanke dir so vieles. Nach unseren Gesprächen, konnte ich endlich vergeben und meine ganze Situation komplett mit anderen Augen betrachten. Danke!» Sie überreichte mir ein Armband als Geschenk mit den Worten darauf: «Dir wurde das Leben geschenkt, weil du stark genug bist, es zu leben.» In diesen Momenten weiss ich, wieso ich diese oft auch sehr anstrengende Arbeit gerne auf mich nehme und weshalb kein Lohn der Welt mir je mehr bedeuten würde als diese Worte, aus dem aufrichtigen Herzen eines Menschen.  

Wie sieht Ihr Zeithorizont aus? Wann soll es losgehen?
Von mir aus könnte es heute schon losgehen. Das Konzept steht und erste Anfragen um einen Wohnplatz sind auch bereits eingegangen. Wo immer ich vom Projekt «Wohnfamilie Destiny» erzähle, stosse ich auf offene Ohren und Interesse. Natürlich braucht es für so eine Wohnform auch das passende Budget. An diesem Punkt hapert es aktuell noch etwas. Da unsere Vision aber gross ist, wir an einen mächtigen Gott glauben und gross träumen, suchen wir nun konkret einen Investor, der unser Herz teilt und bereit wäre, in unser Projekt zu investieren.

Visionshefte zur Wohnfamilie Destiny können bei Michaela Sutter bestellt werden.

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