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Heimpfarrer Markus Müller

Er tritt dem gestörten Verhältnis zum Altwerden und zum Tod entgegen

Einst hat sich Markus Müller entschieden «ein Mensch der Hoffnung zu sein», egal was er beruflich tun werde. Heute verbreitet der Heimpfarrer immer Hoffnung, sei es bei seinen Auftritten oder in seinen Büchern.

Markus Müller
Quelle: Screenshot Youtube

«Unsere Gesellschaft hat ein gestörtes Verhältnis zum Alter und zum Tod.» Markus Müller (64) sagt dies nicht nur, er tritt der Störung entgegen. Wo immer er auftritt, was immer er schreibt – Heimpfarrer Müller verbreitet Hoffnung. Das kommt nicht von ungefähr. Mit 24 Jahren habe er sich gefragt: Was willst du für ein Mensch sein? Damals habe er sich entschieden, ein «Mensch der Hoffnung» zu sein, egal, was er einst beruflich tun werde.

Erzieher, Direktor, Heimpfarrer

Markus Müller studierte Heilpädagogik, Erziehungswissenschaft und Anthropologie. In Freiburg promovierte er in Behindertenpädagogik. Zunächst arbeitete er am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, danach in mehreren christlichen Werken. Von 2001 bis 2012 war er Direktor der Pilgermission St. ­Chrischona, wie das Werk damals hiess. Seither ist er als Heimpfarrer im Zentrum Rämismühle ZH mit alten, sehr alten und sterbenden Menschen unterwegs. Sein Anliegen: Menschen im Älterwerden zu ermutigen. Müller betrachtet die Fragen nach der Zukunft als die entscheidenden. Darüber forscht er soziologisch und theologisch; in zwei Büchern hat er Trends der Zukunft zusammengefasst. «Diese Zukunftsfragen haben mir den Zugang zu den alten Menschen eröffnet», sagt Dr. Müller im Rückblick.

Für die Alten sei die Zukunftsfrage entscheidend. Nur wer ein klares Bild der Zukunft habe, könne das Leben in der Gegenwart entspannt gestalten. Die Zukunft sei wichtiger als die Gegenwart. Christen sollten der Zukunft den Stellenwert geben, den sie eigentlich hat. Die Hälfte des Johannesevangeliums befasse sich mit Fragen der Zukunft, weiss der Heimpfarrer, der jede denkbare Statistik in Sachen Alter und Demografie zitieren kann. Inzwischen hat er auch zwei Bücher zum Thema Alter geschrieben, er hält Referate und gestaltet mit der Initiative Pro Aging Seminare.

Für den Altersforscher ist klar: «Die Sache mit dem Alter muss neu erfunden werden. Und Christen können dabei einen wichtigen, tragfähigen Beitrag leisten, weil sie nicht Menschen von gestern, sondern von morgen sind.» Müllers wache Augen blitzen. Ihm schwebt vor, dass immer da, wo Christen zusammen sind, so etwas wie ein Trainingslager der Dankbarkeit stattfindet.

Das Alter pflegen lernen

Als Markus Müller zu reden beginnt, ist der Pfarreisaal der katholischen Kirche in Berg TG bis auf den letzten Platz gefüllt. Thema sind Fragen rund um die Sterbehilfe. Müller gratuliert den Anwesenden, die sich im kirchlichen Besuchsdienst ehrenamtlich engagieren. Ihre Arbeit werde in Zukunft noch wichtiger werden. Die demografische Entwicklung könne nicht von den Profis allein aufgefangen werden. Die über 90-Jährigen seien die am schnellsten wachsende Altersgruppe in der Schweiz. Müller mahnt: «Das Alter ist nicht unser Feind. Wir sollten es wie einen Garten sorgsam pflegen.» Dann stellt er klar: «Ich will nicht gegen Sterbehilfe moralisieren. Ich will die Liebe zum Leben wecken.» Er leide beim Thema der Sterbehilfe. Es gelinge uns als Gesellschaft und als Kirche nicht, «die Liebe zum Menschen, die Liebe zum Leben deutlich genug weiterzugeben». Wir seien heute mit Fragen konfrontiert wie: Folge ich der Einladung eines alten Freundes zu einer Abschiedsfeier vor dem terminierten Sterben? Was sage ich, wenn einer meiner Angehörigen einer Sterbehilfeorganisation beitreten will? Und was, wenn ein Schwerkranker fragt, ob Sterbehilfe vielleicht doch eine gute Lösung ist?

Wir müssten sprachfähig werden, fordert Müller, und die richtigen Fragen stellen. Während die 90-Jährigen sagen «Ich will nicht zur Last fallen!», rufen die 60-Jährigen «Ich will nicht leiden!» Was steht hinter dem Leiden? Leiden, Schmerzen und Krankheiten seien Vorboten des Todes. Doch es gebe eine Zukunft dahinter. Bonhoeffer habe vor seiner Hinrichtung gesagt: «Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.» «Nach meinem Sterben hat der Tod nichts mehr zu sagen», bekräftigt Heimpfarrer Müller. Dann beantwortet er kenntnisreich und humorvoll die vielen Fragen der Zuhörenden. Es geht um Exit, Alterssuizid und Sterbefasten. Und aus jeder seiner Antworten leuchtet ein Strahl der Hoffnung.

Markus Müller war einst in einem Livenet-Talk. Hier können Sie das Interview mit ihm zum Thema «Älterwerden ist wie die Champions League?» anhören:

Zum Thema:
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Dr. Markus Müller: Ein Blick in die Zukunft und worauf es ankommen wird

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