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Ruedi Löffel

Jugendschutz bei der Legalisierung von Cannabis

Soll Cannabis legalisiert werden? Können Schweizer Städte Pilotversuche mit kontrollierter Abgabe an Kiffende durchführen? Ruedi Löffel hat im Grossen Rat für rauchfreie Räume und für Jugendschutz gekämpft. Der Präventions-Fachmann des Blauen Kreuzes macht im Gespräch deutlich: Die mangelhafte Tabakprävention unterminiert den bei Cannabis-Versuchen angepeilten Jugendschutz.

Ruedi Löffel
Quelle: zVg

Ruedi Löffel, was ist Cannabis?
Ruedi Löffel:
Cannabis ist eine Hanfpflanze. Getrocknete Blüten und Blätter heissen Marihuana («Gras»). Aus gepresstem Harz wird Haschisch («Shit»). Der psychoaktive, berauschende Stoff im Cannabis ist Tetrahydrocannabinol THC. Der THC-Gehalt des heute gezüchteten Cannabis liegt teils weit über 20 Prozent – ein Mehrfaches höher als vor Jahrzehnten. Daneben muss das Cannabinol CBD erwähnt werden. In diesen Wirkstoff werden vielfältige medizinische Hoffnungen gesetzt; die Wirkungen sind von der Wissenschaft allerdings noch weitgehend unbewiesen.

Wie sehen Sie die Kiffer-Szene?
Eine klar umrissene Szene gibt es kaum. Das Rauchen von Marihuana oder Haschisch zusammen mit Tabak in selbstgefertigten Joints ist die weitaus häufigste Konsumform. Da gilt es festzuhalten: Das Rauchen von Tabak führt in der Schweiz jeden Tag zu zwei Dutzend Todesfällen! Das Kiffen ist mit allen Schädigungen verbunden, welche auch herkömmliche Zigaretten zur Folge haben! Die allermeisten Cannabis-Konsumierenden haben vor dem Joint die Zigarette geraucht. Würden wir es schaffen, den Tabak-Einstieg von Teenagern zu verhindern, müssten wir uns um den Schutz der Jungen vor Cannabis kaum mehr sorgen!

Obwohl verboten, ist Kiffen relativ weit verbreitet. Bei Workshops in Schulen ist Jugendlichen oft unklar, ob Cannabis noch verboten oder schon erlaubt ist. Dabei müsste klar sein, dass es, wenn überhaupt, vermutlich erst ab 18 Jahren zugelassen wäre. Viele probieren Cannabis erstmals mit 15 oder 16. Ein beträchtlicher Teil der Konsumierenden ist unter 18-jährig! Wie beim Alkohol konsumieren dann einige exzessiv. Viele hören zum Glück wieder auf, wenn sie sich «dr Gring agschlage hei» (den Kopf angeschlagen) oder die Folgen realisieren.

Cannabis ist auch ein Business.
Wird der Cannabismarkt freigegeben, geht es um viel Geld. Mit Alkohol und Zigaretten werden schon Milliarden verdient. Je früher man Kinder zum Rauchen, Kiffen oder Alkoholkonsum verführt, desto wahrscheinlicher werden Probleme und eine spätere Abhängigkeit; desto mehr Geld kann mit ihnen verdient werden. Für die gesundheitlichen und sozialen Schäden muss dann die Allgemeinheit aufkommen. Wenn es der Politik mit dem Jugendschutz ernst wäre, würde man vorweg eine ganz restriktive Tabakprävention unterstützen. Doch eben diese wird im Bundeshaus regelmässig hintertrieben. Die Schweiz ist die Hochburg der Tabakindustrie in Europa – ein Schurkenstaat, was die Tabakprävention anbelangt. Steuereinnahmen können kein Argument sein. Es kann ja dem Staat nicht daran liegen, Leute abhängig zu machen, damit er mehr Steuern einnimmt. Jene, die so argumentieren, müssten schon lange mithelfen, Alkohol und Zigaretten höher zu besteuern!

Wozu sollen die Pilotversuche für eine kontrollierte Cannabis-Abgabe dienen, die Fachleute und Politiker vorschlagen?
Bei diesen Pilotprojekten geht es um den Verkauf von THC-haltigem Stoff an einige Tausend volljährige Personen. Man möchte unter anderem herausfinden, ob und wie man damit den Jugendschutz verbessern und den Schwarzmarkt bekämpfen kann. Da habe ich grosse Bedenken, weil meines Erachtens einige Grundlagen und messbare Indikatoren fehlen!

Trotzdem bin ich, in Übereinstimmung mit dem Blauen Kreuz, grundsätzlich mit dem Experimentierartikel einverstanden, den das BAG im Betäubungsmittelgesetz als Grundlage für die Pilotversuche vorschlägt: Während maximal zehn Jahren sollen in Städten Versuche nach präzisen Kriterien stattfinden dürfen. Aus meiner Sicht eine Chance, für die ganze Legalisierungsdiskussion einige wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und wegzukommen von blossen Emotionen, Behauptungen und Vermutungen.

Müsste man, um wirksamen Jugendschutz zu betreiben, Minderjährige am Konsum hindern?
Jede Zigarette, jeder Joint ist schädlich. Je jünger Konsumierende sind, desto grösser und langfristiger die Schäden. So gesehen ja. Wirksame Prävention würde alles unterstützen, um Jugendliche am Konsumeinstieg zu hindern. Dazu müsste der Bundesrat die Steuern auf Zigaretten wieder erhöhen dürfen, Werbung und Sponsoring verbieten und die Erhältlichkeit massiv einschränken. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass man bei den geplanten Cannabis-Pilotversuchen etwas über den Jugendschutz herausfinden kann, wenn jene, die teilnehmen können, älter als 18 sein müssen. Wie sollen Verbesserungen im Jugendschutz gemessen werden? Und der Schwarzmarkt? Ohne messbare Wirkungsziele wird der Versuch zur Farce.

Kommt der Absicht, Jugendliche zu schützen, auch das herrschende Menschenbild in die Quere? Der Staat soll die Freiheit seiner Bürger möglichst nicht einschränken – und ihnen auch den Rausch, die Bewusstseinserweiterung zugestehen?
In Diskussionen stelle ich fest, dass die Motive oft nicht klar sind und nicht offengelegt werden. Viele können die Kernfragen nicht beantworten: Was ist das Ziel der Drogenpolitik? Wie die Jugend schützen? Ich meine, das Ziel muss sein, Menschen zu befähigen, ihr Leben nüchtern zu meistern. Klar, Cannabis- oder Alkohol werden von vielen Menschen konsumiert, um herunterzufahren, um zu geniessen oder positive Stimmung zu erzeugen. Ziel meiner Arbeit beim Blauen Kreuz ist es, den missbräuchlichen Konsum und Abhängigkeit zu verhindern und menschliches Leid zu vermindern.

Wie sehen Abstürze aus?
Mitarbeitende aus der Psychiatrie verweisen auf einen Anstieg von Psychosen bei Cannabis-Konsumierenden. Ein Bekannter von mir, Familienvater, hat einmal Cannabis-Güetzi gegessen – und landete im Spital. Er kehrte nie mehr in seinen Job zurück! Ein einmaliger Rausch kann dein Leben ruinieren. Der Zürcher Hirnforscher Prof. Boris Quednow betont, dass die Entwicklung des Gehirns nicht vor 21 abgeschlossen ist. Der Cannabis-Konsum kann, namentlich bei jungen Menschen, sehr gravierende Folgen haben.

Wie steht das Blaue Kreuz zur verbreiteten Rausch-Neigung?
Der Rausch gehört wohl zum Menschen. Wer läuft bis zum Umfallen, kriegt ihn durch Endorphine. An fast jedem gesellschaftlichen Anlass wird Alkohol konsumiert – häufig mehr als ein, zwei Gläser. An Parties werden verschiedenste Drogen konsumiert, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Das Blaue Kreuz engagiert sich gegen den Missbrauch von Substanzen und hilft Menschen, denen der Konsum entglitten ist. Hunderttausende schaffen es leider nicht, ihren Konsum zu kontrollieren. Einige müssen morgens erst den Alkohol-Pegel erreichen, um zu funktionieren, andere geraten beim Cannabis in eine psychische Abhängigkeit und verlieren Motivation, Belastbarkeit und Konzentrationsfähigkeit.

Wie bewerten die Befürworter der generellen Legalisierung diese Wirkungen?
Die Frage wird oft gar nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Ich bin sehr für Selbstverantwortung – doch viele schaffen es ganz einfach nicht. Da muss der Staat präventive Leitplanken setzen und Hilfsangebote unterstützen.

Zur Person

Ruedi Löffel, geb. 1962, leitet den Bereich Prävention + Gesundheitsförderung des Blauen Kreuzes Bern - Solothurn - Freiburg. Als EVP-Grossrat (bis Ende Mai 2020) kämpfte er während 18 Jahren für wirkungsvolle Prävention. Ruedi Löffel gehört dem EGW Münchenbuchsee an.

Das Interview erschien ursprünglich in der Juni-Ausgabe von wort+wärch, dem Magazin des Evangelischen Gemeinschaftswerks EGW.

Zur Webseite:
Blaues Kreuz 

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