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Vergebung oder Vergeltung

Wie funktioniert Vergebung, wenn das Internet nichts vergisst?

Die heutige Gesellschaft vergibt nicht. Ein Vergehen, das jemand vor langer Zeit begangen hat, kann heute seinen Ruf oder seine Karriere zerstören. Und es wiegt immer schwerer als gute Taten. Die normale gesellschaftliche und auch politische Reaktion darauf ist: Wie du mir so ich dir. Also Vergeltung.

Den Finger auf jemanden zeigen
Quelle: bigstock

Irgendeinen Mechanismus muss es doch geben, um vernünftig mit Übertretungen umzugehen, fragt sich auch Gene Veith, ein Englisch-Dozent in den USA. Bestrafung ist ein naheliegender Weg, damit ein Mensch, der kriminell geworden ist, «seine Schuld gegenüber der Gesellschaft begleichen» kann. Doch wann ist sie beglichen? Und wie ist danach ein Neuanfang möglich? Vor allem, da die meisten Fehler keine kriminellen Delikte sind.

Vergebung ist politisch notwendig

Christen lehren, dass Gott den Menschen vergibt, weil Christus die Sünden der Welt getragen hat. Das nennen sie Evangelium, die gute Nachricht der Erlösung. Doch diese Vergebung hat erst einmal eine geistliche Komponente, die weltliche Seite wird nach wie vor vom Gesetz, seiner Forderung nach Gerechtigkeit und der Sanktionierung durch Strafen bestimmt. Veith fragt nach: «Kann es in dieser Welt – in unseren persönlichen Beziehungen, unseren säkularen Aktivitäten und unserem politischen Leben – keine Vergebung geben?» Aus einem Essay zum Thema «Vergebung als politische Notwendigkeit» zitiert er die jüdische Philosophin Hannah Arendt, die Vergebung als «Erfindung» des Jesus von Nazareth bezeichnet und unterstreicht: Ohne Vergebung und Befreiung von den Folgen unserer Taten wären wir unserer Handlungsfähigkeit beraubt und auf eine einzige Tat reduziert. Wir wären für immer Opfer. Gäbe es das gegenseitige Vergeben nicht, würden uns die Folgen jeder einzelnen Tat bis an unser Lebensende verfolgen, «als seien wir der Zauberlehrling, der das erlösende Wort: Besen, Besen, sei's gewesen, nicht findet».

Im ganzen Zusammenhang geht es um Vergebung, die als geistliches Prinzip eine herausragende Bedeutung fürs Hier und Jetzt hat. Dazu noch einmal Hannah Arendt: «Nichts ist reaktionärer als Rache. Vergebung hingegen ist die einzige Reaktion, die auch eine neue Aktion ist; sie setzt ein Ende, damit sie einen Anfang machen kann …» Natürlich lässt sich Vergebung nicht einklagen, auch wenn sich dies in manchen Kirchen und Gemeinden so anhört («Er hat sich entschuldigt, jetzt musst du ihm vergeben …»). Vergebung ist nämlich keine einmalige Äusserung, sondern ein Prozess. Damit hört Veith auf, seine Vorstellungen von gesellschaftlicher Vergebung zu beschreiben.

Vergebung ist ein Prozess

Desmond Tutu, der frühere Erzbischof von Kapstadt, hat jahrelang in sogenannten «Wahrheitskommissionen» daran mitgearbeitet, das Unrecht der Apartheit aufzuarbeiten. Zusammen mit seiner Tochter hat er in «Das Buch des Vergebens» vier konkrete Schritte definiert, wie solch ein Prozess aussehen kann: die Geschichte erzählen, die Verletzung beim Namen nennen, Vergebung praktizieren, die Beziehung erneuern oder beenden. «Manchmal dauert dieser Pfad einige Minuten und manchmal Jahre», sagen die Autoren realistisch. Doch auch sie unterstreichen, dass diese Schritte unverzichtbar sind – nicht nur in Kirchen und Gemeinden, sondern auch in der Gesellschaft.

Vergebung neu denken

Spannenderweise orientieren sich nicht nur Philosophen wie Hannah Arendt an der Bibel und ihrer Idee der Vergebung. Die Grundannahmen von Politikern, Psychologen und Verantwortungsträgern unterscheiden sich dabei deutlich. Der eine sieht eher den heilenden Einfluss auf die Opfer, der andere die positiven Auswirkungen auf eine Gesellschaft, die nicht bei einer einmal festgestellten Schuld stehenbleibt, sondern weitergehen kann – selbst wenn das Internet nichts vergisst.

Und mittendrin stehen die Christen. Menschen, die das erfahren haben, was Paulus einmal so auf den Punkt bringt: «Seid aber gegeneinander freundlich und barmherzig und vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus» (Epheser, Kapitel 4, Vers 32).

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