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Leiter von morgen

«Wir brauchen Pluralismus-Kompetenz»

Unsere Gesellschaft verändert sich und es braucht ständig neue Kompetenzen, ihr mit dem ewiggültigen Wort Gottes zu begegnen. Drei Experten sprechen mit Livenet im Talk darüber, was dies konkret bedeutet.

Livenet-Talk mit Moderator Reinhold Scharnowski und den Gästen Barbara Stotzer-Wyss, Stefan von Rüti und Walter Dürr
Quelle: Livenet

Unsere Gesellschaft verändert sich in grossem Tempo. Gottes Wort hingegen ist ewiggültig. Um Gottes Wort einem sich ständig verändernden Umfeld nahebringen zu können, braucht es neue Kompetenzen. Im Gespräch mit drei Leitern theologischer Ausbildungsstätten spürt Livenet der Frage nach, welche Art christlicher Leiter in Zukunft gefordert werden.

Die drei Talk-Gäste

Walter Dürr ist Pfarrer der Landeskirchlichen Gemeinschaft Jahu und Direktor des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft an der Uni Freiburg.

Barbara Stotzer-Wyss ist Bereichsleiterin Studium am IGW (Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung).

Stefan von Rüti ist Gesamtleiter ISTL (International Seminary for Theology and Leadership).

Verbindung von Studium und Praxis

«Wenn die Gemeinde plötzlich nicht mehr da wäre, was würde der Gesellschaft fehlen?», fragt Walter Dürr zu Beginn und weitet die Frage auf die Relevanz von Universitäten aus. «Da hier Leiter ausgebildet werden, haben sie indirekt Einfluss», hält er fest und fügt an, dass damit noch nichts über die Qualität dieses Einflusses gesagt ist.

Das IGW stellt stets die Verbindung vom Studium zur Praxis her. Damit bleiben aktuelle Fragestellungen der Gesellschaft im Blickfeld. Stefan von Rüti ergänzt mit einem beim ISTL starken Grundanliegen: «Für uns war es von Anfang an wichtig, Leiter auszubilden, die in Gottes Reich etwas bewegen wollen.» Das seien Menschen, die in Gottes Wort gegründet sind und sich in kommende Generationen investieren.

Veränderung des Studiums in den letzten Jahren

Das IGW bietet nicht mehr klassische theologische Fächer an, sondern konzentriert sich aufs Vermitteln von Kompetenzen. Im Gespräch mit Gemeinden und Verbänden wurden sechs Hauptkompetenzen definiert. Eine Kompetenz gewann erst in jüngerer Zeit an Bedeutung: Es geht darum, wie christliche Spiritualität einer multireligiösen Gesellschaft zugänglich gemacht werden kann.

Im Gegensatz zu früheren Generationen, wechseln heute viele Menschen im Laufe ihres Lebens ihren Beruf – oft sogar mehrmals. «Das ist eine Folge des Individualismus, welcher auch uns Christen geprägt hat», erklärt Walter Dürr. Stefan von Rüti wünscht sich, Leiter auszubilden, die mit vollem Commitment auch nach 20 Jahren noch im Gemeindedienst stehen. Als Schlüssel sieht er eine lebendige Gottesbeziehung. «Als Leiter in unserer Schule wollen wir den Studenten dabei Vorbild sein.»

Es gibt heute eine Institutionsmüdigkeit

«Bei jungen Menschen gibt es heute eine gewisse Institutionsmüdigkeit», beschreibt Walter Dürr seine Beobachtung. «Sie folgen gerne Jesus nach und setzen sich in Gottes Reich ein, mit dem Einsatz für eine Institution haben sie jedoch ihre Mühe.» Natürlich sind diese oft etwas träge. «Ohne Institution gibt es aber keine Gesellschaftsrelevanz», ist er überzeugt.

Barbara Stotzer-Wyss glaubt, dass bei den Studenten eine Leidenschaft für verbindliche Gemeinschaft geweckt werden muss. Es brauche aber auch die Freiheit, mit neuen Gemeinschaftsformen zu experimentieren.

Der Postmoderne begegnen

In unserer postmodernen Zeit ist der Anspruch von absoluter Wahrheit verpönt. Toleranz wird laut gefordert – selbst dann, wenn die eigene Toleranzgrenze tief liegt. Der Ton gegenüber Andersdenkender wird zunehmend gehässig. Diesen Umständen gilt es als Christen zu begegnen. Stefan von Rüti zitiert mit «liebet eure Feinde!» Worte von Jesus, die er dabei als bedeutend erachtet. Wenn wir Andersdenkenden mit Respekt und Liebe begegnen, sei schon viel gewonnen.

Barbara Stotzer-Wyss bringt die Identität zur Sprache. «Zu wissen, wer wir sind, schützt uns davor, uns gegen andere behaupten zu müssen.» Walter Dürr erwähnt ergänzend den Gewinn, der in Dialog und Infragestellen der eigenen Meinung liegen kann.

Einer Sache sind sich die Gesprächspartner einig: «Neben Dialogfähigkeit, Respekt und Nächstenliebe ist für Studenten aber auch wichtig, für ihre Standpunkt stehen zu können.» Stefan von Rüti erklärt, ein respektvoller Umgang mit Andersdenkenden bedeute nicht, immer ein «nice guy» sein zu müssen. Vor allem aber gelte: «Ein persönlich erweckter Glaube und geistliche Erlebnisse wirken auf Mitmenschen anziehend.»

Umgang mit Andersdenkenden

Heute machen viele Christen die Erfahrung, dass in Freikirchen über manche Themen nicht geredet wird. Barbara Stotzer-Wyss bemüht sich im Studium um eine offene Atmosphäre, wo jede Frage gestellt werden kann.

Stefan von Rüti erzählt, wie lehrreich es für seine Studenten sei, regelmässig mit Leuten auf der Strasse ins Gespräch zu kommen. Die Begegnung mit andersdenkenden Menschen kann nicht allein im Klassenzimmer gelernt werden. Wir brauchen den Kontakt mit ihnen. Und das ist mehr als eine Übung – um es mit den Worten von Walter Dürr zu sagen: «Das Evangelium ist auch für die Postmoderne.»

Den Talk in voller Länge ansehen:
 

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