14. Thuner Politlunch

Heisses Eisen: Der ethische Spagat im Gesundheitswesen

Die vier Thuner Stadtparteien EVP, EDU, Die Mitte und glp luden am 11. Januar zum traditionellen Politlunch. Die Ethikerin und Theologin Dr. Ruth Baumann-Hölzle (Zürich) referierte dabei über ein hochaktuelles Thema: gesundheitspolitische Fragen.
Ruth Baumann-Hölzle

Die vier Thuner Stadtparteien EVP, EDU, Die Mitte und glp luden am 11. Januar zum traditionellen Politlunch. Die Ethikerin und Theologin Dr. Ruth Baumann-Hölzle (Zürich) referiert dabei über ein hochaktuelles Thema: gesundheitspolitische Fragen.

Darf die Medizin Menschen behandeln, die sich selbst leichtsinnig in Gefahr bringen? Wie entscheiden Ärzte, wen sie behandeln und wen nicht, wenn die Ressourcen begrenzt sind? Was ist verhältnismässig, was nicht mehr – und wer beurteilt das? Und wie funktioniert eine Triage im Spital, wenn es hart auf hart kommt?

Den ethischen Hintergrund bewusst machen

Die Referentin machte es deutlich: Hinter all diesen Konfliktthemen stehen ethische Vorentscheidungen. Und die beruhen auf Werten, die uns prägen. Wenn wir uns dessen nicht bewusst werden, prallen Meinungen – gerade in Zeiten wie in der gegenwärtigen Coronakrise – aufeinander, die oft mit vernünftiger Abwägung nicht viel zu tun haben.

Aber die ethischen Entscheidungsprozesse selbst unterliegen auch Kriterien, die sich in unserer Zivilgesellschaft geformt haben. Die Referentin erklärte die von ihr vertretene «integrative Verantwortungsethik» mit bestimmten Regeln, die durchaus zu einem Konsens führen können. Dazu gehört etwa die Perspektivenvielfalt: Alle Fakten und Meinungen müssen berücksichtigt, Daten transparent und nachvollziehbar dargestellt werden. Statt Gewinnmaximierung behandeln immer mehr Chirurgen etwa mit Augenmass und engagieren sich gegen eine «Behandlung um jeden Preis». Ist zum Beispiel eine Behandlung gerechtfertigt, welche die Krankenkasse – ohne gesicherten Erfolg – mehrere hunderttausend Franken kostet, während dieses Geld für hunderte Standard-Behandlungen eingesetzt werden könnte?

Zwischen Schicksal und Machsal

Gerade eine Pandemie wird im Volk als «Schicksal» erlebt – etwas, was uns «geschickt» wurde und nicht zu steuern ist. Dagegen steht der Anspruch der «Machsal»: «Alles ist machbar» ist eine Devise unserer technologischen Gesellschaft. Wir erleben im Moment, wie beide Kräfte miteinander ringen – auch das ist letztlich ein Prozess, der im ethischen Dialog bewältigt werden muss.

Die Teilnehmer des Polit-Lunchs erlebten – wie z.B. Ex-Grossrat Marc Jost – einige «deutliche Aha-Augenblicke». «Es ist eindrücklich, wie gut es Frau Baumann-Hölzle versteht, übergeordnete ethische Überlegungen immer wieder mit aktuellen Gegebenheiten sehr verständlich und nachvollziehbar zu vernetzen. Sie ist in meinen Augen eine Vollblut-Ethikerin, die ihr 'Handwerk' wahrlich versteht!», kommentierte Teilnehmer Markus Aerni. Und EVP-Stadtrat Jonas Baumann-Fuchs fasste zusammen: «Am Online-Politlunch haben wir erfahren, welche Balanceakte wir gesellschaftlich in ethischen Fragen zu leisten haben. Krisen akzentuieren diese Herausforderung zusätzlich. Gesellschaftlich müssten ethische Fragestellungen und Diskussionen viel mehr Raum erhalten, vielleicht würden wir so weniger vereinfachen oder gar verurteilen. Sich öffnende Spannungsfelder sind jedoch für viele Menschen auch eine Bedrohung, wohl auch darum bleibt die öffentliche Diskussion oftmals aus.»

Mit dem Politlunch konnten die Initianten hier zumindest für eine kurze Zeit etwas «Gegensteuer» geben. Das Referat wurde aufgezeichnet und kann auf der Homepage der EVP Thun angeschaut werden.

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Datum: 14.01.2022
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / EVP Thun

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