Gedanken von Gottfried Locher

«Wachet mit mir» – Mit Jesus durch eine schwierige Zeit

Angst – davon war Jesus im Garten Gethsemane erfüllt. Er wusste, dass sein Tod auf ihn zu kommt und bat die Jünger, bei ihm zu bleiben. Was trägt, wenn der Karfreitag unmittelbar bevorsteht und Ostern noch nicht in Sicht ist? Gedanken dazu von Gottfried Locher, Präsident der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz.
Gottfried Locher

«Bleibet hier und wachet mit mir.» Verzweifelt sind die Worte, die Jesus im Garten Gethsemane spricht. Nur noch eine Nacht trennt ihn von jenem schrecklichen Tag, den man später Karfreitag nennen wird. Er ahnt die Gefahr, seine Verhaftung steht unmittelbar bevor. «Meine Seele ist zu Tode betrübt.» Jesus hat Angst vor dem, was kommt.

Wir kennen diese Angst. Sie passt zum Unheil, das sich heute auf uns gelegt hat. Eine unsichtbare Krankheit lauert in unserer Mitte und vergiftet jeden zwischenmenschlichen Kontakt. Immer dieser Verdacht, das Gegenüber könnte ja das Virus in sich tragen und uns anstecken… Vom Misstrauen sind wir längst alle infiziert. Ohne jeden Körperkontakt begegnen wir einander. Kein Handschlag, keine Umarmung, kein Streicheln, kein Kuss. Wie sollen wir einander überhaupt noch berühren? Gar nicht, sagt die Vernunft. Berühren verboten. Sonst wird alles noch schlimmer.

Umarmen ohne Körperkontakt

Berühren verboten: Äusserlich ist das jetzt dringend nötig. Innerlich aber, einander emotional berühren, das sollten wir umso mehr. Lasst mich nicht allein in meiner Angst, darum bittet Jesus im Garten Gethsemane. Bleibt mir nahe in Herz und Sinn, «wachet mit mir».

Nicht allen geht dieser Hilferuf leicht über die Lippen. In wie vielen Wohnungen sitzen Menschen (und nicht nur alte), die sich danach sehnen, dass endlich das Telefon klingelt, dass endlich jemand fragt: Wie geht’s? Lassen wir einander nicht allein in dieser schwierigen Zeit. Es gibt andere Zeichen der Verbundenheit als die physische Nähe. Schreiben wir, telefonieren wir, mailen, «SMSen», «WhatsAppen» wir, helfen wir einander beim Einkaufen, mit Ratschlägen oder mit Besorgungen, wie auch immer. Lassen wir einander nicht allein. Umarmen wir einander ohne Körperkontakt, aber ganz fest.

Ostern noch nicht in Sicht

Wie geht es weiter? Wir wissen es nicht, und auch damit folgen wir Jesus. Karfreitag damals, das bedeutete nicht: zwei Tage durchhalten, dann kommt sogleich Ostern und alles ist wieder gut. Kein Ostern in Sicht – das bedeutete Karfreitag, damals. Jesus selbst war völlig verzweifelt. Wenn wir ihm nahe sein wollen, dann müssen wir auch heute nichts schönreden. Wir müssen nicht krampfhaft auf Optimismus machen. Alles kann noch schlimmer werden, wir wissen es nicht, wie wir auch nicht wussten, dass die Zustände je so schlimm würden, wie sie heute sind.

«Wachet mit mir»: Das ist, wozu Jesus aufruft. Jetzt ist die Zeit, da wir mit ihm wachen, bei ihm bleiben sollen. Passionszeit, nicht Osterzeit, noch nicht. Ostern wird kommen, darauf dürfen wir vertrauen. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Aber wann und wie Ostern kommt, das bleibt bis zuletzt Gottes Geheimnis.

Praktisch folgen

Wir leben in einer Welt, die mitunter gespenstisch anmutet. Aber noch ist diese Welt voller Möglichkeiten. Mit Jesus wachen, das können wir. Wer Jesus folgen will, der tue es jetzt so: niemanden vergessen, der einsam ist, niemanden, der Hilfe braucht, niemanden, der Angst hat, Angst, vor dem was kommt. Folgen wir Jesus. Gehen wir hin zu jenen, denen der Karfreitag droht. Dort ist Christus, und dorthin ruft er uns.

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Datum: 21.03.2020
Autor: Gottfried Locher
Quelle: Livenet

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