fbpx «Ich hoffe, dass viele als stärkere Jünger hervorgehen» | Livenet Mobile
Kirche mit Corona-Epizentrum

«Ich hoffe, dass viele als stärkere Jünger hervorgehen»

Jetzt gibt die

Gottesdienst in der Gemeinde «Porte Ouverte» in Mulhouse
Quelle: Livenet
Nathalie Schnoebelen
Quelle: Screenshot Youtube

Gemeinde «Porte Ouverte» aus Mulhouse gegenüber Livenet einen Einblick in die Tage nach dem Corona-Ausbruch. Dieser hatte zu Schlagzeilen in ganz Westeuropa geführt. Stets versuchte die Gemeinde, transparent, kommunikativ und positiv zu sein.Mehr als 2'000 Menschen besuchen jeweils die jährliche Fastenwoche in der Gemeinde «Porte Ouverte» in Mulhouse. Neben Franzosen waren auch in diesem Jahr Menschen aus der Schweiz, Belgien, Deutschland, Österreich, Italien und einzelne aus vielen weiteren Ländern da. Auch Livenet war dabei und berichtete unter dem Titel «Zu Gast bei den wichtigsten Männern Frankreichs». Das war Mitte Februar, als das Leben in Westeuropa noch seinen gewohnten Lauf ging.

Rund zehn Tage später – gerade hatte das Virus auch in Westeuropa begonnen, seine Kreise zu ziehen – wurde bekannt, dass sich etliche Menschen während der Fastenwoche angesteckt hatten. Weitere Fälle wurden bekannt, mehrere der betroffenen Teilnehmer stammten aus verschiedenen Schweizer Kantonen und in mehreren Ländern wurde darüber berichtet.

Gegenüber Livenet gibt Nathalie Schnoebelen, Sprecherin der Gemeinde, einen Einblick in die verstrichenen und aktuellen bewegten Tage.

Nathalie Schnoebelen, wie ist die gesamte Situation für die Gemeinde?
Nathalie Schnoebelen:
Die Gemeinde macht eine äusserst schmerzhafte Zeit durch. Wir sind sehr betroffen wegen der vielen Kranken, die leiden, und der Familien, die trauern. Es ist sehr schwierig, oft herrscht Unverständnis, eine Haltung echter Demut, und ein Mitgefühl wie nie zuvor ... und gleichzeitig erlauben wir dem Herrn Jesus, an uns zu arbeiten. Wir wissen, dass diese Zeit uns verändern wird, dass sie uns dazu drängen wird, uns um unsere Nachbarn zu kümmern, viel mehr als wir es bisher getan haben.

Vor allem aber erleben wir den Frieden Gottes, der alles übertrifft, was hinter uns liegt. Drei Verse aus dem 2. Korintherbrief, Kapitel 4, Verse 8 bis 10 veranschaulichen die Situation, in der wir uns befinden: «Die Schwierigkeiten bedrängen uns von allen Seiten, und doch werden wir nicht von ihnen überwältigt. Wir sind oft ratlos, aber wir verzweifeln nicht. Von Menschen werden wir verfolgt, aber bei Gott finden wir Zuflucht. Wir werden zu Boden geschlagen, aber wir kommen dabei nicht um. Tagtäglich erfahren wir am eigenen Leib etwas vom Sterben, das Jesus durchlitten hat. So wird an uns auch etwas vom Leben des auferstandenen Jesus sichtbar.»

Was sagen Sie zum ganzen Medienrummel?
Wir selbst haben uns bereit erklärt, uns aktiv an der allgemeinen Information für unsere Mitbürger zu beteiligen. Die Medien, die sich an uns gewandt haben, waren Partner, die von unseren Erlebnissen berichteten, die Bevölkerung informierte und warnte. Wir haben auf alle Anfragen mit Transparenz reagiert. Es gab einen Tag, an dem ununterbrochen Journalisten da waren und darauf warteten, dass ich das laufende Interview beende, um zum nächsten zu kommen. Ich glaube, dass wir bei den Medien präsent sein mussten. Dies war notwendig, um die Bedingungen zu erklären, unter denen sich das Coronavirus während unserer Jahrestagung verbreitet hat. Wir wollten unseren Mitbürgern die Risiken und die notwendigen Vorsichtsmassnahmen bewusst machen und sie gleichzeitig in diesen Zeiten der Angst beruhigen.

Die zwei französischen Zeitungen, die einen Artikel geschrieben haben, der uns diskreditiert hat, waren die einzigen, die uns nicht angerufen haben oder sich nicht mit uns treffen wollten. Wir wurden öffentlich wahrgenommen, ohne dass wir das gesucht hätten, und das auf globaler Ebene.

Als die Konferenz stattfand, war Corona noch kein Thema. War es ein grosser Schock, dass Corona «ein Teil» der Konferenz war?
Ja, absolut! Wir hatten gerade eine wunderbare Woche hinter uns, viele wurden in dieser Woche verändert, erneuert, ermutigt und erlebten eine Nähe zu Jesus wie nie zuvor. Wie traurig war es da, acht Tage später die Zahl der Kranken zu erfahren! Wir verstanden das nicht und waren voller Emotionen und Mitgefühl für all diese Menschen und ihre Familien.

Welche Auswirkungen hatte es bisher auf das Gemeindeleben?
Die allererste Auswirkung war die Isolation der Christen, weil der Gottesdienst am 3. März vor Ort sehr früh abgesagt wurde, auch in Erwartung von Massnahmen der Regierung. Wir konnten die Gottesdienste über das Internet übertragen, was bereits eine Unterstützung für viele war, aber nicht jeder hat Internet. Wir mussten vorsorglich alle unsere Aktivitäten einstellen, auch wenn diese bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch erlaubt waren. Unsere Gemeinde ist in der Regel sehr beschäftigt, auch unter der Woche, da täglich verschiedene Aktivitäten stattfinden. Nun war die Kirche plötzlich leer.

Das Stammpersonal nutzte das Home Office, wir hatten eine Mindestanzahl von Teammitgliedern, um Telefonanrufe zu beantworten, auf Journalisten zu reagieren und Sekretariatsdienste zu leisten, und wir mussten ständig Notfälle bearbeiten, uns anpassen und auf sie reagieren. Das nennen wir Krisenmanagement. Am Anfang haben wir die Auswirkungen einer solchen Ansteckung auf lange Sicht nicht einschätzen können. Im Laufe der Tage wurden Gemeindeglieder zum Teil im ernsten Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Unsere Herzen leiden mit denen, die leiden. Wir begannen, die Leute anzurufen und zu fragen, ob sie etwas brauchen... Wir haben alle unsere Kräfte eingesetzt, um so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Ich werde oft gefragt: «Wie kann sich jemand in einer so grossen Gemeinde von anderen umgeben fühlen?» Die Grösse einer Gemeinde stellt kein Hindernis für die Gemeinschaft dar. Da wir in 150 Hausgruppen organisiert sind, kennen wir uns, wir unterstützen uns gegenseitig. Und von Personen, die keine Hausgruppe haben, versuchen wir, eine Nachricht zu erhalten. Wahrscheinlich haben wir noch nicht alle kontaktieren können. Aber wir haben unser Bestes getan.

Wie werden die Gottesdienste jetzt abgehalten?
Wir leben in einer Zeit, in der wir jeden Tag neue Lösungen finden müssen. Seit dem 3. März gibt es keinen Gottesdienst mehr vor Ort, sondern nur noch eine Live-Übertragung, die wir seit Jahren praktizieren, und so konnten wir dank der zahlreichen Teams dies mit einem Minimum an Betriebstechnikern sicherstellen. Jetzt gerade (Stand: 18. März) bereiten wir uns darauf vor, in Frankreich in eine nationale Ausgangssperre überzugehen, so wie in Italien. Das bedeutet, dass wir uns noch mehr anpassen müssen, um zu versuchen, die Live-Gottesdienste mit Zustimmung der Präfektur aufrechtzuerhalten. Wir organisieren uns ständig neu. Die grosse Eigenschaft, die es im Moment zu übernehmen gilt, ist die Flexibilität!

Auch Beerdigungen sind sehr schwer zu durchleben. Familien können keine Trauerfeier in der Gemeinde abhalten. Eine begrenzte Anzahl von Verwandten – maximal fünf Personen – ist auf dem Friedhof erlaubt. Das ist schrecklich für diese Familien, denn zusätzlich zur Trauer können sie nicht von all ihren Verwandten und Freunden des Verstorbenen umgeben sein. Wir mussten die nächsten Taufen absagen, Hochzeiten verschieben, ebenso die Termine unserer Pastoren... Selbst unsere Hausgruppen können sich nicht treffen. Wir ermutigen dazu, täglich einen persönlichen Gottesdienst zu haben, die Zeit in der Gegenwart Gottes zu verbringen, das Wort Gottes zu lesen und darüber nachzudenken. In gewisser Weise drängt uns diese Situation dazu, auf das Wesentliche zu schauen und uns mehr Zeit mit Gott und der Familie im Haus zu nehmen. Ich hoffe, dass die Menschen den Glauben nicht verlieren werden und dass unsere Gemeinde aus dieser Zeit stärker, liebevoller, intimer mit Jesus hervorgehen wird, kurz gesagt, als stärkere Jünger.

Wie ist nun der Zuspruch auf das Online-Angebot?
Am vergangenen Sonntag (15. März) verdoppelte sich die Zahl der Internetnutzer, die den Online-Dienst verfolgten. Dies lässt sich auch durch die Schliessung aller Gotteshäuser in Frankreich erklären. Am vorangegangenen Sonntag (8. März) war das Online-Publikum gegenüber den üblichen Zahlen um einen Drittel gestiegen. Dies ist eine sehr aussagekräftige Zahl, denn an diesem Sonntag waren die meisten Gotteshäuser noch geöffnet; in Frankreich war es zu dem Zeitpunkt nur verboten, mehr als 1'000 Personen zu versammeln, ausser im Haut-Rhin, wo die Zahl 50 Personen betrug. Man kann davon ausgehen, dass Internetnutzer uns zum ersten Mal entdeckt haben.

Viele Menschen haben nun Angst. Erleben Sie, dass Leute, die noch nicht Christen sind, sich nun an Porte Ouverte wenden?
Ja, das haben wir. Es ist schwer zu quantifizieren, ob es wenig oder viel ist. Entweder kommen die Berichte direkt zu uns, oder andere Menschen kennen Verwandte, die sich jetzt an Gott wenden wollen. Heute erkennen wir, dass die Menschen uns durch diese Medienberichterstattung entdeckt haben. Einige kommen Gott näher, nachdem sie jahrelang weit weg von ihm waren, andere sind auf einer geistlichen Suche. Es gab auch Anrufe von Menschen, die sich als «nicht praktizierende Gläubige» bezeichneten und in Panik waren. Wir haben uns Zeit für sie genommen, wir haben ihnen zugehört, wir haben sogar manchmal für sie gebetet. 

Bringt Corona die Menschen in Frankreich dazu, nach Gott zu suchen?
Ich glaube, es gibt hier zwei sehr unterschiedliche Reaktionen: Es gibt diejenigen, die anfangen zu beten und die zu Gott schreien. Andere hingegen lehnen unseren Glauben noch stärker ab als bisher.

Zum Thema:
Dossier Coronavirus
Zwischen hängenden Köpfen: Christsein in Zeiten der weltweiten Krise
Heimpfarrer über Coronavirus: Markus Müller: «Der christliche Glaube lebt aus Vertrauen statt Panik»
Durchbruch wartet: Israel: Coronavirus

Werbung
Webversion

Livenet Aktuell

Jubiläumsanlässe
«Hope-Stories» für Ihren Ort
Livenet interaktiv