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Zwischen Pest und Psychologie

Corona jenseits der Sinnfrage

Keine Frage: Covid-19 beschäftigt den gesamten Kontinent und wird das noch eine Weile tun. Dabei ist es wichtig, dass wir Menschenrechte nicht aus den Augen verlieren. Es ist wichtig, dass wir christliche Werte nicht verkaufen. Und es ist wichtig zu sehen, dass vieles in unserem Umgang mit dieser Krise Gesetzmässigkeiten folgt, die nicht unbedingt hilfreich sind.

Frau mit Schutzmaske
Quelle: Pixabay

Die tatsächliche Krise ist nur eine Seite der Medaille: Es gibt mit Covid-19 eine neuartige Virusinfektion, die zu schweren Erkrankungen bis hin zum Tod führen kann. Darauf müssen sich Politiker, Ärztinnen und medizinisches Personal, Angestellte in «systemrelevanten» Geschäften und letztlich jede und jeder einstellen. Die andere Seite ist, wie wir das Ganze einordnen, bewerten und zu erklären versuchen. Dabei folgen wir als Menschen gerne Erklärungsmustern, die quasi automatisch ablaufen. Je nach Hintergrund bekommen sie dann einen christlichen oder einen wissenschaftlichen Anstrich – was sie letztlich nicht richtiger macht. In der Psychologie spricht man hier von kognitiver Verzerrung.

Bitte nicht falsch verstehen! Dies ist nicht der grosse Rundumschlag, der zeigen soll, dass man (also Sie!) die Pandemie eigentlich ganz anders sehen müsste (also so wie ich!). Es ist vielmehr der Versuch zu zeigen, dass wir bei unserem Nachdenken, Erinnern und Beurteilen oft in immer wiederkehrende Verhaltensmuster fallen. Sie zu kennen und uns selbst zu hinterfragen, ist gerade in Krisenzeiten sehr hilfreich. 

Bestätigungsfehler (confirmation bias)

So wird die Tendenz genannt, Informationen so auszuwählen oder zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen. Ein typisches und harmloses Beispiel dafür findet bei fast jeder Diät statt. Herr Dick will abnehmen und macht deshalb die XY-Diät. Jeden Morgen stellt er sich auf die Waage. Wenn die etwas weniger als gestern zeigt, dann ist er glücklich: Die Diät wirkt. Zeigt sie etwas mehr, dann liegt es an der Uhrzeit, der Waage oder den normalen Gewichtsschwankungen. Auch im Laufe von Wochen nimmt Herr Dick praktisch nicht ab – trotzdem ist er davon überzeugt, dass die Diät ihm hilft.

Willkommen beim Bestätigungsfehler. Er stellt sich dann ein, wenn wir eine Theorie oder Annahme haben und nur nach Bestätigung suchen. Wir werden sie finden! Damit gehen wir vor wie jemand, der im Horoskop liest: «Sie werden einen Menschen treffen, der einen grossen Einfluss auf ihr Leben nehmen wird.» Wer es glaubt, der wird diesen Menschen treffen – die Aussage ist schwammig genug.

Und bei Covid-19? «Wir waren schon immer der Meinung, dass die Grenzen nicht so offen sein sollten…» Politiker, die das denken, haben Schlagbäume verschlossen, die jahrelang offenstanden. Sie finden Argumente, die ihre Sicht unterstützen («Man muss die Ausbreitung der Krankheit verhindern») und ignorieren, dass Viren sich nicht an Landesgrenzen orientieren, und dass gerade innerhalb Europas auch ein Isolieren betroffener Gebiete möglich gewesen wäre.

Abhilfe? Abhilfe geschieht darüber, dass wir nicht in erster Linie das suchen, was uns und unsere Meinung bestätigt, sondern was sie widerlegen könnte. Der Autoren-Berater Arthur Quiller-Couch nannte das: «Murder your darlings» – töte deine Lieblingsideen. 

Blinder Fleck (bias blind spot)

Er bezeichnet die Tendenz, sich selbst für unbeeinflusst zu halten. Bei anderen erkennen wir schnell, dass sie beeinflusst und manipuliert sind, dass sie eigene Interessen verfolgen bzw. einfach nicht nach dem «gesunden Menschenverstand» urteilen.

Und bei Covid-19? Wenn in unserem Umfeld noch keine Erkrankungen vorkommen, dann sagt uns der «gesunde Menschenverstand» schnell, dass die ganze Krise nur herbeigeredet ist. Und wenn bereits mehrere Menschen erkrankt oder sogar gestorben sind, dann ist es völlig klar, dass sie völlig unterschätzt wird. 

Abhilfe? Sie geschieht in erster Linie dadurch, dass wir uns immer wieder aus dem Mittelpunkt unserer Wahrnehmung herausbewegen. Sprich: akzeptieren, dass wir nicht den Überblick haben – und schon gar nicht neutral sind.

Überlebensirrtum (survivorship bias)

Damit wird die Tendenz bezeichnet, den erfolgreichen «Überlebenden» eher wahrzunehmen als den erfolglos «Verstorbenen». Typisch hierfür ist es, dass Menschen oft denken: «Es gibt so viele erfolgreiche Musiker und Schriftsteller. Ich brauch es bloss zu versuchen. Die Chancen stehen gar nicht schlecht…» Doch: Sie stehen schlecht. Sie stehen sogar noch schlechter. Natürlich gibt es ein Promille an Erfolgreichen, die dummerweise anschliessend eine Biografie veröffentlichen und darin behaupten: «Mach’s wie ich und du hast Erfolg.» Dabei landen Zehntausende auf dem Friedhof des Nirgendwo, aber das interessiert niemanden. Rolf Dobelli konstatiert in «Die Kunst des klaren Denkens» lakonisch: «Dies macht den Friedhof für Aussenstehende unsichtbar» (S. 5).

Und bei Covid-19? Wir kennen alle die Überlebensgeschichten der Kategorie «Christ überlebte wie durch ein Wunder die Infektion». Halleluja, das ist wirklich ein Geschenk. Aber es ist keine Anleitung.

Abhilfe? Historiker wissen, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Doch damit wird sie nicht wahr. Diese Perspektive hilft auch im Alltag ungemein.

Prognose-Illusion 

«Facebook ist bald das wichtigste Unterhaltungsmedium überhaupt.» «In drei Jahren redet niemand mehr von Facebook.» «Bald kann man nur noch mit einem Chip unter seiner Haut bezahlen.» «Der Islam wird Europa erobern.» Voraussagen wie diese beherrschen unsere Medien. Manche von ihnen widersprechen sich, andere stehen einfach im Raum. Aber wie verlässlich sind sie? Rolf Dobelli verweist in seinem Buch auf den US-Psychologen Philip Tetlock. Der Berkeley-Professor wertete 82‘361 Voraussagen von Experten aus. Das Resultat: Man hätte auch einen Zufallsgenerator befragen können… Dobelli fragt sich anschliessend, warum sogenannte Experten ihre Voraussagen treffen. Wie viele Prognosen haben sie bislang abgegeben? Wie viele haben zugetroffen?

Und bei Covid-19? «Die Welt wird besser werden.» «Die Welt wird schlechter werden.» Prognosen gibt es in jede Richtung, aber auf welcher Basis werden sie getroffen? 

Abhilfe? Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair sagte einmal: «Ich mache keine Voraussagen. Ich habe nie, und ich werde nie.» Könnte das Weisheit sein?

Sinnfindung (story bias)

Das ist die Tendenz, in allem einen tieferen Sinn zu entdecken, eine logische Abfolge. Wir hören zwei Nachrichten und wir setzen sie schnell (zu schnell!) in Beziehung zueinander. Es ist einfach eingängiger, sich zu merken, dass ein Jugendlicher durchgedreht ist, WEIL er regelmässig am Computer gespielt hat, als zu hören, dass ein Jugendlicher durchgedreht ist UND er regelmässig am Computer gespielt hat – ohne Zusammenhang. Natürlich gibt es Zusammenhänge bei dem, was wir hören. Aber vieles steht nebeneinander und hat keine ursächliche Verbindung – die bauen wir dann erst. Warum kam es zur grossen Wirtschaftskrise 2008/9? Warum wurde «Harry Potter» ein Bestseller? Wie kam es zur Corona-Krise? All diese Fakten können wir einerseits wahrnehmen und andererseits nachträglich mit einem Sinn aufladen und sie so erklären, wie man sie zur Zeit der Ereignisse nie wahrgenommen hätte. Das bedeutet nicht, dass es keine Zusammenhänge gibt, aber (Behauptung!) viel weniger, als allgemein vorausgesetzt. Meist geschehen einfach zwei oder mehr Ereignisse nebeneinander.

Und bei Covid-19? Natürlich kann man auch hier Ereignisse zusammen sehen: Corona bedroht die Menschheit – Christen beten zu wenig. Das eine stimmt und das andere auch. Dass beides miteinander zu tun hat, ist Spekulation bzw. story bias. Denn welche Faktoren hier verknüpft werden, ist sehr willkürlich. Man könnte genauso gut sagen: Corona bedroht die Menschheit – Ursula von der Leyen wird Kommissionspräsidentin der EU. Was hat das miteinander zu tun? Richtig: nichts. 

Abhilfe? Es ist typisch menschlich, nicht nur Ereignisse festzustellen, sondern dabei nach dem Warum zu fragen. Wenn wir hier dem Impuls widerstehen, zu schnell Dinge zu verknüpfen, die nichts miteinander zu tun haben, dann ist schon viel gewonnen.

Und nun?

Offensichtlich sind unsere Reaktionen auf Krisen oder Fragen nicht so selbstverständlich oder klar, wie wir oft meinen. Manchmal sind sie nicht das Ergebnis unseres intensiven Nachdenkens, sondern einfach das von kognitiven Verzerrungen. Allein, das wir uns dessen bewusst sind, bringt uns schon einen grossen Schritt voran.

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