Talk mit Jürgen Werth

«Ich werde nie fertig, Neues zu lernen»

Mit seinem Song «Du bist Du» hat er in der Schweizer Hitparade dreimal den ersten Platz belegt: Jürgen Werth, Liedermacher und Buchautor. Aber auch ehemaliger Chefredaktor und Direktor des ERF. Er erklärt im Livenet-Talk, wie er sein kreatives Talent mit den Aufgaben eines Unternehmensleiters verband.
Jürgen Werth

Mit «Du bist Du» hat Jürgen Werth einst die Schweizer Hitparade gestürmt. Dreimal schaffte es das Lied auf den ersten Platz. Sein Song wurde oft im Schweizer Radio gespielt, bis Proteste gegen den «religiösen Song» laut wurden und die Redaktion entschied, keine «religiösen Lieder» mehr zu bringen. 

Liedermacher, Autor, Chefredaktor, Direktor

Jürgen Werth begann schon im Alter von 14 Jahren, eigene Lieder zu schreiben. Er absolvierte dann eine journalistische Ausbildung und nahm 1973 seine Arbeit beim Evangeliums-Rundfunk (heute ERF Medien) in Wetzlar auf. Von 1977 bis 1984 war er Leiter des Jugendprogramms «e.r.f. junge welle», 1986 wurde er Chefredakteur. 1994 übernahm er das Amt des Direktors von seinem Vorgänger Horst Marquardt. Ab Juni 2014 moderierte er im Fernsehprogramm ERF1 insgesamt 246mal die Gesprächssendung «Werthe Gäste» sowie über 50-mal die «Wartburg-Gespräche». Drei Jahre lang war er Sprecher der ARD-Sendung «Das Wort zum Sonntag». Seine neuestes Buch, das er nach seiner Pensionierung schrieb, ist ein fiktiver Briefwechsel mit Dietrich Bonhoeffer.

Grosse Spannung

Doch wie hat er seine kreativer Ader mit den Leitungsaufgaben beim ERF in Einklang gebracht, den Umgang mit Administration, Personal- und Finanzkompetenzen? Als er angefragt wurde, Chefredaktor zu werden, fragte er sich selbst intensiv: «Will ich das?», wie er gegenüber Livenet-Chefredaktor Florian Wüthrich erklärte. Schliesslich sagte er zu, nahm sich aber weiterhin die Freiheit heraus, «die kreativen Dinge zu machen».

Die Spannung wurde noch grösser, als er Geschäftsführer werden sollte. Als Nachfolger des überragend agilen und kompetenten Horst Marquardt. Denn er war zuvor in ein Burnout geschlittert und erholte sich davon in Texas/USA. Dort erreichte ihn die Meldung, dass er bereits gewählt war. 

«Will ich das?»

Bei seinem Ringen um die Entscheidung riet ihm ein Freund: «Schreib deinem Vorstand, der dich berufen hat, du nimmst es an, wenn du noch das machen kannst, was du willst.» Er tat es und erhielt vom Vorstand die Rückmeldung: «Genau so wollen wir dich!»

Er beschloss, sein Leben und seine Aufgaben so einzuteilen, dass er weiterhin Sendungen machen, Konzerte geben und predigen konnte. «Wie das gegangen ist, weiss ich heute auch nicht mehr», bilanziert Jürgen Werth. Er erinnert sich auch an den Ausspruch «Den Jürgen Werth gibt es wohl doppelt». Auch ihm kommt das heute auch so vor: «Wichtig blieb mir, dass man eine Aufgabe, bei der das Herz nicht mitmacht, nicht machen soll.»

Die Barmherzigkeit Gottes sichtbar machen

Auf die Frage nach seinem Lebensmotto zitiert er sich selbst aus einem früheren Interview, in dem er auf die entsprechende Frage antwortete: «Durch mein Leben soll die Barmherzigkeit Gottes sichtbar werden.» Auf den Einwand, dass dieser Anspruch als arrogant empfunden werden könnte, sagt er: «Ich möchte einfach deutlich machen, was die Barmherzigkeit Gottes ist und wie sie mein Leben prägt. Und so möchte ich selbst mit den Menschen umgehen.»

Aus seiner eigenen Erfahrung schliesst er: «Wenn wir sagen, wir lebten von der Gnade Gottes, tun wir oft so, als ob wir sie nicht nötig hätten und reden lieber über unsere Erfolgsgeschichten.» Christen dürften aber auch von Niederlagen erzählen. Denn wir haben uns ja selber nicht wirklich im Griff.  

Dankbarkeit

Hier geht es auch um Dankbarkeit. «Wer alles selbstverständlich nimmt, ist nicht dankbar. Dankbar, dass wir hier leben dürfen und an einen Gott glauben, der uns braucht. Das ist faszinierend», so Werth. Er übt diese Dankbarkeit auch in der aktuellen Corona-Zeit und räumt dazu ein: «Sie macht Unterschiedliches mit mir.»

Er erlebe Phasen der Dankbarkeit für weniger Termine und viel mehr Zeit für Wandern und Familie. «Doch manchmal fühle ich mich wie in einem Gefängnis.» Dann sei er wütend über das Virus und die Regierung. «Jetzt plane ich und weiss nicht, ob ich es dann auch tun kann.» Er erinnert sich dann aber, dass er auch früher nicht wirklich alles umsetzen konnte. Und er gibt zu: «Manchmal macht es mich kribbelig», und er erinnere sich an Rat von Jesus: «Sorgt euch nicht für den morgigen Tag.»

Briefwechsel mit Bonhoeffer

Wie kam es zu seinem jüngsten Buchprojekt, dem fiktiven Briefwechsel mit Bonhoeffer, bei dem Werth auf die Gefängnisbriefe des berühmten Theologen an seine Eltern, Freunde und seine Verlobte antwortete. Das Buch erschien mitten im ersten Corona-Lockdown im Frühjahr. Jürgen Werth stellt dazu vorerst fest: «Ich staunte, wie aktuell es ist. Es geht ja um Briefe eines Gefangenen, der nicht weiss, ob er morgen noch leben wird. Er muss im Hier und Jetzt leben und tut das.» Seine Briefe handelten davon, wie man am Abgrund, in völliger Ungewissheit über die Zukunft, lebt. 

Hinter dem Buch stecke ein Denkprozess, wie man Gedanken des Märtyrers Bonhoeffer an eine heutige Leserschaft bringen könne. Resultat dieses Denkprozess war es, auf die Gefängnisbriefe zurückzugreifen und diese zugleich zu verarbeiten und aus heutiger Sicht zu reflektieren. Werth hat dazu auch seine eigenen Fragen thematisiert. Und er liess sich in diesem intensiven Reflektionsprozess auch überraschen; «Bonhoeffer sah vieles erstaunlich klar voraus.»  

Lernen ohne Ende

Hat er daraus auch spirituelle Anstösse erhalten? Jürgen Werth bejaht dies. Bonhoeffer habe ihn angeregt, zu lernen, im Hier und Jetzt zu leben und dabei wahrzunehmen, was jetzt passiert und welche Aufgaben sich daraus ergeben. Er habe am Beispiel Bonhoeffers auch gelernt, dass ein Leben vollendet sein könne, auch wenn es keine 40 Jahre dauere. Und er zitiert die letzten überlieferten Worte Bonhoeffers vor seiner Hinrichtung: «Für mich der Beginn des Lebens.»

Der inzwischen 70-jährige Werth hat sich entschlossen, jeden Tag zu lernen, ja zu sagen und dankbar zu sein für das, was ist. Und das andere loszulassen. Er freut sich, immer noch zuweilen auf der Bühne zu sein. «Aber vieles ist einfach nicht mehr dran, und ich muss herausfinden, was jetzt dran ist. Damit wird man nie fertig.»

Sehen Sie sich hier den ganzen Livenet-Talk an:

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Datum: 02.02.2021
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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