Locher bei den Freikirchlern

«Wir sollten mehr miteinander das Abendmahl feiern»

SEK-Präsident Gottfried Locher war am Samstag, 2. Februar 2019 in Winterthur zu Gast an der Tageskonferenz von Willow Creek Schweiz. Er rief die Glaubensgeschwister aus den Freikirchen auf, mit Christus im Zentrum näher zusammenzurücken: «Die Landeskirchen brauchen die Ergänzung der Freikirchen, ebenso wie den Freikirchen die Stärken der Landeskirchen – unter anderem ihre gesellschaftliche Bedeutung – zum Segen werden können.»
Karl-Heinz Zimmer
Bill Hybels am Willow-Creek-Leitungskongress 2014
Gottfried Locher an der Tageskonferenz 2019 von Willow Creek Schweiz
Fisch am Auto.
Gottfried Locher sprach an der «Willow Creek»-Tageskonferenz 2019.

2018 war für Gottfried Locher ein schwieriges Jahr, das von einer Kampagne gegen seine Person geprägt war. Der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds SEK hatte mit einzelnen Aussagen zur «Feminisierung der Kirche» und zur Prostitution vor den Wahlen in ein Wespennest gestochen (Livenet berichtete). Letztlich schaffte er die Wiederwahl deutlich und erhielt Ende Jahr auch Rückendeckung, als es um die neue Verfassung für die «evangelisch-reformierte Kirche Schweiz» ging, die einen starkes Leitungsamt des Präsidenten vorsieht. Dies sei für ihn «schon eine Genugtuung», sagte Locher am Samstag, 2. Februar 2019 an der Willow Creek-Tageskonferenz in Winterthur. Es mache auch im Protestantismus Sinn, eine Art Bischöfinnen und Bischöfe einzusetzen, die der Kirche ein Gesicht geben.

Klares Christus-Bekenntnis

Das Gesicht, das Gottfried Locher der reformierten Kirche geben will, dürfte den grösstenteils freikirchlichen Besuchern gefallen haben. Mit kernigen Aussagen wie «Wir wollen miteinander Christus bezeugen» und weiteren klaren Christus-Bekenntnissen sprach er den Pastoren und Leitern aus dem Herzen. Gleichzeitig brachte Locher zum Ausdruck, dass auch die Freikirchen die Landeskirchen brauchen. Die Landeskirche sei in der Vergangenheit nicht für ihre Risikobereitschaft bekannt gewesen, aber in Zukunft werde es nicht mehr ohne klares Bekenntnis gehen – das merke man in Kantonen wie Basel und Genf bereits jetzt. «Vor 50 Jahren war die Schweiz christlich, aber man kann nicht davon ausgehen, dass das selbstverständlich so weitergeht.»

Das neue Logo der Reformierten in der Schweiz werde getreu dieser Stossrichtung nach Römer 1,16 («Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht») wieder ein Kreuz beinhalten, kündigte Locher an. «Unser Risiko ist Christus» lautete denn auch der Titel seiner Rede, passend zum Konferenzthema «Mut zum Risiko».

«Wer hat noch einen Fisch hinten am Auto?»

Wer noch einen Aufkleber mit dem «Fisch» hinten am Auto habe, fragte der SEK-Präsident die rund 400 Gäste im Saal. Dass er dies nicht mit einem ironischen Unterton meinte, wurde gleich klar, als er auf die Bedeutung des Symbols hinwies: «Das griechische Wort für Fisch enthält ein kurzgefasstes Glaubenbekenntnis, nämlich Jesus, der Gesalbte, Gottes Sohn, Erlöser (siehe auch den entsprechenden Wikipedia-Eintrag).» Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn diese Symbole wieder mehr zu sehen wären, gab Locher zu bedenken und wies damit auf die herausragende Autorität von Christus hin. «Man kann niemandem seinen Glauben aufzwingen, aber man kann als Christ auch nicht verbergen, dass man ein Nachfolger Jesu ist.»

Der höchste Reformierte der Schweiz berichtete von einem katholischen Priester, den er immer dafür belächelt habe, weil er sich täglich vor dem Tabernakel in seiner Kirche verbeugte. Das Lachen sei ihm allerdings vergangen, als dieser Bruder ihm mal den tieferen Hintergrund seines Rituals erklärt habe. Jedes Mal, wenn er sich vor dem Tabernakel verbeuge, wolle er damit in seinem Innern festmachen, dass er sich allein vor Jesus Christus und keinem anderen König auf dieser Welt verbeugen werde. Das habe ihn zutiefst beeindruckt, sagte Locher und forderte die Zuhörer heraus: «Wie ist das bei uns, liebe Brüder und Schwestern? Ist Christus der einzige König, vor dem wir uns verbeugen?»

Auch im interreligiösen Dialog sei entscheidend, Jesus Christus zu benennen. «Die Muslime kennen Jesus auch, aber nicht als den Christus, also den Erlöser. Im Gespräch mit ihnen dürfen wir nicht auf Christus verzichten!» Auch wenn die muslimische Bevölkerung bei uns bestimmt weiter wachse, sieht Gottfried Locher in ihnen nicht die eigentliche Bedrohung. «Der grosse Dialog findet mit dem Atheismus in all seinen Ausprägungen statt. Denn das Evangelium sei vielen Menschen ein Ärgernis und eine Torheit.» Zudem wies Locher darauf hin, dass sich die Juden wieder neu unterdrückt fühlten. Ein neuer Antisemitismus sei am Aufkommen. 

Locher und die «Freikirchler»

Gottfried Locher nutzte die Gelegenheit, in Winterthur die Schweizer Freikirchenleiter direkt anzusprechen. «Was ihr in die Ökumene gebt, ist die ganz persönliche Beziehung zu Jesus Christus.» Das sei wichtig und wertvoll. Doch bei aller Nähe zu Jesus, sollte nicht vergessen gehen, dass die Person Jesus immer auch ein Geheimnis bleibe. «Nicht mal ein Freikirchler kann ihn vollständig erklären.»

Und er machte weiter auf die liturgische Seite dieses Jesus Christus aufmerksam. «Wir sollten mehr miteinander das Abendmahl feiern und den angeblichen Graben überwinden.» Die Sehnsucht nach Christus sei auch in der reformierten Kirche stark zu spüren. Deshalb plädierte Locher dafür, Formen zu finden, wo echte Gemeinschaft stattfinden kann. Und er unterstrich nochmals: «Wir sollten wirklich mehr miteinander das Abendmahl feiern!»

Gottfried Locher ist überzeugt, dass Christen in geschwisterlicher Liebe und mit gemeinsamer Stimme auftreten sollten. «Wir alle sind am Suchen. Ich bin in einer Kirche, wo man aufgrund der enormen Umbrüche verunsichert ist. Niemand weiss so genau, wie es weitergeht.»

Locher und Willow Creek

Mit Willow Creek sei er 2014 an der Leiterkonferenz in Leipzig erstmals richtig in Kontakt gekommen, erzählte Gottfried Locher beim Mittags-Lunch mit Gästen und Partnern. Iwan Schulthess, der Präsident von Willow Creek Schweiz und selbst auch reformierter Pfarrer habe ihn dorthin mitgeschleppt. In Leipzig habe er auch erstmals Bill Hybels live erlebt. «Er hat mich gleich gepackt. Nur ein Amerikaner kann nach fünf Minuten auf der Bühne weinen, aber bei ihm wirkte es nicht aufgesetzt.»

Wegen der Schlagzeilen um Hybels stehe Willow Creek vor einer Neuausrichtung, stellte Locher fest. Und er machte den Verantwortlichen Mut: «Brüche gehören dazu und jede Krise ist eine Chance, neu zu klären, wohin die Richtung gehen soll.» Zum Schluss reichte der reformierte Bischof den Willow-Leitern gar die Hand: «Wenn ich in diesem Prozess mitdenken darf, bin ich offen dafür.»

Weiterhin Funkstille rund um Hybels

Über den aktuellen Stand rund um Bill Hybels informierte am Mittags-Lunch der Geschäftsführer von Willow Creek Deutschland, Karl-Heinz Zimmer. Der charismatische Pastor, gegen den Vorwürfe wegen sexueller Belästigung laut wurden, sei weggezogen und habe sich komplett zurückgezogen. Sein Wohnort sei unbekannt. «Wir hatten direkt keinen Kontakt mit Bill Hybels», berichtete Zimmer. In einem Mail an einen engen Vertrauten habe Bill jedoch mitgeteilt, dass die Ehe von ihm und seiner Frau durch diesen ganzen Tumult stärker geworden sei, sie sei sogar stärker als je zuvor. Auf die Frage, warum er nicht öffentlich zu den Vorwürfen Stellung nehme, habe Bill geschrieben: «Es ist egal, was ich sage, dadurch ändert sich nichts.»

Karl-Heinz Zimmer stellte mit Blick auf die nächsten Anlässe wie dem Leitungskongress 2020 in Karlsruhe klar, dass die Tätigkeit des Netzwerks nicht von der Person von Bill Hybels abhängig sei. Ins gleiche Horn blies Stefan Gerber, der Geschäftsführer von Willow Creek Schweiz: «Wir brauchen mehr denn je emotional und geistlich reife Leitende, die authentisch leben, auch gerade im Blick auf ihre persönliche Stärken und Grenzen.»

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Datum: 04.02.2019
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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