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Friedenszeichen Nagelkreuz

Versöhnung ist immer handgemacht – so war's schon in Coventry...

In der Ruine der Kathedrale von Coventry steht ein grosses Holzkreuz aus verbrannten Balken. Daneben ein Nagelkreuz aus gewaltigen Zimmermannsnägeln. Offensichtlich weist dies auf die Zerstörung der Kirche im Zweiten Weltkrieg hin – doch das Symbol geht noch viel weiter. Seit der Adventszeit 1940 engagieren sich Christen im Zeichen des Nagelkreuzes für Versöhnung. Bis heute.

Nagelkreuz in der Kieler Nikolaikirche
Quelle: Wikipedia

Es war nicht der erste Fliegerangriff der deutschen Luftwaffe auf England, aber es war einer der folgenreichsten: Am 14. November 1940 wurde die nördlich von London gelegene Stadt Coventry angegriffen und verwüstet.

«Die ganze Nacht lang brannte die Stadt»

Das Bombardement mit dem zynischen Namen «Operation Mondscheinsonate» kostete 568 Menschen das Leben, 60'000 Häuser wurden zerstört, die ganze Stadt brannte – darunter auch die Kathedrale. Die Zerstörung war so gross, dass man in Nazideutschland das «erfolgreiche» Zerbomben von Städten danach «Coventrisieren» nannte. Richard Howard, damals Probst in Coventry, beschrieb seinen Eindruck so: «Die ganze Nacht lang brannte die Stadt, und ihre Kathedrale brannte mit ihr – ein Zeichen für die ewige Wahrheit, dass, wenn Menschen leiden, Gott mit ihnen leidet. Doch der Turm stand noch mit der Spitze in den Himmel aufragend – ein Zeichen für Gottes alles überwindende Majestät und Liebe.»

Und mitten in Verlust- und Rachegedanken, in das Planen von Schlag und Gegenschlag, verkündete er kurz danach als Weihnachtsbotschaft: «Was wir der Welt sagen wollen, ist dies: Da Christus heute in unseren Herzen wiedergeboren wurde, werden wir versuchen, so schwer dies auch sein mag, alle Gedanken an Rache zu verbannen. Wir nehmen all unsere Kraft zusammen, um die enorme Aufgabe zu Ende zu führen, die Welt vor Tyrannei und Grausamkeit zu schützen. Wir werden versuchen, die Welt freundlicher, einfacher, dem Christuskind ähnlicher zu machen.»

Ein Symbol der Versöhnung

Am Morgen nach der Zerstörung von Stadt und Kathedrale ging der Domprobst durch die Kirchenruine und fand dort drei Zimmermannsnägel. Er nahm sich etwas Draht und band sie zu einem Kreuz zusammen: Das Nagelkreuz war geboren. Howard liess in der Folge aus verbrannten Balken ein grosses Holzkreuz errichten und in die Wand der Ruine einmeisseln: «Father forgive». Dieses «Vergib, Vater» klingt nicht nur zufällig nach den Worten von Jesus am Kreuz. Schon direkt nach dem tödlichen Bombenangriff, den Brandgeruch noch in der Nase, wollte der Probst ein Zeichen für Versöhnung setzen.

Eine Predigt in Kiel und Hamburg

Nach seiner Weihnachtspredigt, die nicht nur Zustimmung fand – zu aufgeheizt war die Atmosphäre im Land –, zogen die Nagelkreuze mit ihrer Botschaft von der Versöhnung weitere Kreise. Nach Kriegsende schickte die Kirche aus Coventry weitere Nagelkreuze in die Welt, unter anderem nach Kiel und nach Hamburg. Bereits 1946 war eine Hamburger Delegation in Coventry gewesen. Howard sprach zu ihnen über «Versöhnung und Wiedergeburt». Er betonte: «Sie wissen, was uns hier in Coventry angetan wurde und Sie können sich leicht ausmalen, wie es war. Wir wissen, wie es Ihnen in Hamburg erging und wir können es uns teilweise vorstellen. Ich denke, ich sehe uns zu Füssen des Christkinds in seiner Krippe liegend. Über das Kind hinweg strecke ich meine Hand aus und lege sie in die Ihrige, mein Bruder … Wenn ich hinunter auf das Jesuskind schaue – den menschgewordenen Gott – dann kommen mir sofort zwei Worte in den Sinn, die ich Ihnen sagen möchte. Das erste lautet Vergebung … Und das zweite ist dies: 'Wiedergeburt' … Wenn wir doch nur alle Bitterkeit und Hass verbannen und neu beginnen könnten, dann wäre ich mir sicher, dass unsere Kinder – Ihre und unsere – in Frieden und Brüderlichkeit miteinander leben werden.»

Ein Gefängnis in Würzburg

All dies geschah vor zwei Generationen. Doch die Versöhnungsbotschaft der Nagelkreuze von Coventry erklingt heute noch. Weltweit gibt es Nagelkreuzzentren – ökumenische Glaubensgemeinschaften, die sich für Frieden und Versöhnung einsetzen. Und seit einer Weile werden ihre offiziellen Kreuze in Würzburg angefertigt, in der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt. Das Herstellen der 40 Zentimeter hohen Kreuze ist Handarbeit, es sind alles Unikate – so wie Vergebung auch nicht automatisch oder maschinell machbar ist. Der Werkdienstleiter der JVA betont: «Das ist ja auch ein schönes Symbol: In der Haft werden Symbole für Versöhnung und Frieden erschaffen.»

Ein Gebet bis heute

1940 fand ein Pfarrer drei Nägel im Schutt seiner Kirche. Daraus wurde ein Symbol für Versöhnung. Eines, das Kreuz, Auferstehung und Weihnachten zusammenbindet. Eines, das bis heute Menschen berührt. Im Versöhnungsgebet der Kathedrale von Coventry werden diese Gedanken noch einmal in Worte gefasst:

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer, Kapitel 3, Vers 23 LUT)
Darum beten wir:

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist,
Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,
Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen,
Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.

Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,
Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,
Vater, vergib.

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser, Kapitel 4, Vers 32)

AMEN.

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