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Offener Brief inklusive

Weissrusslands Christen rufen zu Einheit und Gebet

Besorgte Pastoren aus 50 Kirchen veröffentlichten einen «offenen Brief an das weissrussische Volk». Sie warnen vor Machtmissbrauch und weisen auf die Verantwortung aller Weissrussen vor Gott hin. Und die Christen des Landes bitten um Gebet.

Proteste im Minsk September 2020
Quelle: Wikipedia
Alexander Lukaschenko
Quelle: Wikipedia

Mit dem für die Region nicht völlig untypischen Wahlergebnis von 80 Prozent der Stimmen wurde der derzeitige Präsident Alexander Lukaschenko am 9. August auf einer Sänfte des Wohlwollens (zum mittlerweile sechsten Mal) im Amt bestätigt – zumindest scheinbar.

Seither lassen anhaltende Proteste der Bevölkerung gewisse Zweifel an der weissrussischen Kunst des Stimmenzählens aufkeimen. Lukaschenko ist seit 1994 an der Macht und wird von westlichen Beobachtern als letzter Diktator Europas angesehen. Oppositionskandidatin Sviatlana Tsikhanouskaya will mit mindestens 60 Prozent der Stimmen die Wahlen eigentlich gewonnen haben. Sie bot Verhandlungen an, die bei Lukaschenko auf wenig Interesse stiessen. Tausende Oppositionelle und Demonstranten erhalten Kost und Logis hinter Gitter.

Brüderliche Liebe statt Steine heben

Die katholische Kirche bezieht keine Seite, Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz appelliert: «In diesem entscheidenden Moment unserer Geschichte fordere ich im Namen des Gottes der grenzenlosen Barmherzigkeit, Liebe und des Friedens alle Konfliktparteien auf, die Gewalt zu beenden. Mögen eure Hände, die für friedliche Arbeit und brüderliche Liebe geschaffen wurden, weder Waffen noch Steine ​​heben.»

Viele evangelische Gemeinden äussern sich nicht (Livenet berichtete): «Politik geht uns nichts an», erklärt ein leitender Pastor, der anonym bleiben will. «Wir sind da, um für den Frieden in unserem Land zu beten und zu fasten.»

Offener Brief der Kirchen

50 evangelische Gemeindeleiter haben nun einen offenen Brief an das weissrussische Volk geschrieben. Der Brief richtet sich auch an die Machthaber und warnt vor Machtmissbrauch, da dies zu einer nationalen Katastrophe führen könnte und weist auf die letztendliche Verantwortung aller Weissrussen vor Gott hin.

Konkret sprechen die 50 Gemeindeleiter vier Punkte an:

1. Stopp der Gewalt gegen friedliche Bürger und jegliche Form der Folter unschuldiger Menschen. Dies sei die schwerste Verletzung des Staatsgesetzes sowie gegen Gottes Gebot.

2. Freilassen aller zu Unrecht verhafteten und verurteilten Personen, die friedlich gegen die Regierung demonstriert haben. Auch dies sei ein Verstoss gegen die Verfassung.

3. Untersuchung der Präsidentenwahl, da die Mehrheit des weissrussischen Volkes den offiziellen Ergebnissen nicht traut.

4. Wiederherstellung einer gerechten und treuen Sicherheits- und Rechtsabteilung.

Für Versöhnung einsetzen

Der Brief ermutigt gleichzeitig das Volk, die Nation nicht zu spalten, sondern sich für Versöhnung einzusetzen. Ein besonderer Appell richtet sich an Christen, sich für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung einzusetzen.

Laut Johannes Reimer, Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Fachhochschule Ewersbach,  dürfte es der erste Aufruf dieser Art sein, da in der ehemaligen Sowjetrepublik evangelische Christen der Verfolgung ausgesetzt waren.

Laut Reimer besteht die Gefahr, dass die Unterzeichner des Aufrufs verhört, verfolgt, verhaftet und gefoltert werden. «Aber die Gesellschaft wird zuhören. Die evangelischen Christen verstecken sich nicht. (…) Die evangelischen Christen weltweit sollten für Gottes Schutz beten.»

Gemeinden bitten um Gebet

Leonid Mikhovich vom weissrussischen Baptistenverband sagt, dass die politischen Geschehnisse auch die Kirche spalten. «Die Situation hat sowohl in der Gesellschaft als auch unter Christen und Kirchen grosse Spannungen verursacht.»

Die Kirche im Land ist seit je von der Politik getrennt – zu Sowjetzeiten galt sie als Staatsfeind. Deshalb zogen es die meisten Gemeinden vor, sich zurückzuhalten und sich auf Gebet und Strassenevangelisation zu konzentrieren.

Mikhovich schliesst sich der Bitte an, dass Christen auf der ganzen Welt für Weissrussland beten. «Betet für die Gemeinden. Wir brauchen in dieser Zeit Einheit, um zusammenzuarbeiten. Betet für unsere Gesellschaft, damit wir von Hass, Rache und Bitterkeit bewahrt werden.»

Für Gerechtigkeit beten

Ein einheimischer Christ, der ebenfalls anonym bleiben will, bittet ebenfalls: «Bittet Gott, dass Frieden ins Land kommt und die Menschen in Sicherheit leben dürfen. Betet auch, dass Christus in den Herzen der Menschen wirkt und dass Gerechtigkeit über das Land und seine Regierung kommt.»

Die kulturelle und politische Dominanz Russlands dauerte viele Jahrhunderte, wodurch Weissrussland bis zu einem gewissen Grad (noch) keine eigene Identität hat. Ausserdem finden sich in Weissrussland 28 verschiedene Volksgruppen, von denen 20 Prozent als vom Evangelium unerreicht gelten.

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