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Einsatz für die Unberührbaren

Schweizer Werk im Kampf gegen «unmenschliches Kastensystem»

Unter aller Würde leben in Indien die Dalits («Unberührbare») noch unterhalb des unmenschlichen Kastensystems. Dagegen kämpft das «Dalit Freedom Network Schweiz».

Dalit Kinder Indiens
Quelle: DFN Schweiz
Rahel Di Feliciantonio
Quelle: DFN Schweiz
Dalit Mädchen
Quelle: DFN Schweiz

Livenet sprach mit Rahel Di Feliciantonio, der Kommunikationsverantwortlichen vom «Dalit Freedom Network Schweiz».Livenet: Rahel Di Feliciantonio, wie leben Dalits heute generell?
Rahel Di Feliciantonio:
Während Indien ein innovatives Raumfahrt-Programm betreibt oder letztes Jahr 17 neue Milliardäre hervorgebracht hat, leben Dalits und Stammesangehörige meist in bitterer Armut. Indien ist ein Land der krassen Gegensätze, wie mancher Tourist erkennen kann und kaum je verstehen wird. Geld, Macht oder der Zugang zu Bildung oder dem Gesundheitswesen ist sehr ungleich verteilt. Insbesondere Dalits – und Dalit-Frauen umso mehr – werden systematisch benachteiligt. Das ist Ursache der Armut, der Grund für schlechtere Gesundheit und tieferer Lebenserwartung. Und auch für massiven psychologischen Schaden, weil sie glauben, sie hätten dieses missliche Leben verdient.

Was genau tut das Dalit Freedom Network (DFN) und welche Rolle spielt DFN Schweiz dabei?
Die Diskriminierung der Dalits und auch der «tiefen Kasten» ist eine Problematik, die eine breite Front braucht, um bekämpft zu werden. Die Betroffenen wünschen sich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung von der Weltgemeinschaft in ihrem Kampf um Freiheit und Würde. Sie wollen Bildung für ihre Kinder und Schutz für ihre Frauen. Hier wollen wir als Dalit Freedom Network ansetzen. DFN will das Bewusstsein für die problematische Situation der Dalit fördern, Informationen zugänglich machen, zum Engagement motivieren und finanzielle Ressourcen erschliessen.

Wir unterstützen unsere indische Partnerorganisation dort, wo sie es von uns brauchen und wünschen. Unsere Partnerorganisation in Indien hat über 100 Schulen für mehr als 26'000 Schüler aus Dalit oder anderen unterdrückten Gemeinschaften aufgebaut. Die Unterrichtssprache ist Englisch, genauso wie in den teuren Privatschulen. Denn in Indien ist Englisch die Sprache der Macht – in Politik und Wirtschaft. Die Schulen werden von weiteren Projekten flankiert, um den Erwachsenen, den ganzen Familien zu helfen. Die Projekte in Gesundheits- und Einkommensförderung verbessern die Lebenssituation, die Würde der Familien, insbesondere der Mädchen und Frauen wird wiederhergestellt. Auch auf der rechtlichen Ebene werden Dalits befähigt. Oft sind die Gesetze für die lokale Bevölkerung weder in deren Sprache übersetzt, noch erklärt worden. Was für ein Recht hat eine Frau auf dem Polizeiposten, wenn sie den sexuellen Übergriff melden will – aber von den Polizisten nicht beachtet wird? Mit einem Netzwerk von Anwälten und Helfern bekommen die Personen tatkräftige Unterstützung und auch Schulung, was für Rechte sie haben.

Wo macht das DFN Schweiz einen Unterschied durch seinen Einsatz?
Noch ist DFN in der Schweiz eine kleine Organisation – die aber eine grosse Bewegung in Indien unterstützt. Unsere Kollegen in Brasilien oder Kanada sind uns um Welten voraus. Aber weil der Schweizer Franken in Indien unglaublich viel bewegt, ziehen schon die jetzigen Spenden weite Kreise. Und wir arbeiten daran, diese Kreise noch zu vergrössern und zu vermehren. Denn die gesellschaftsverändernde Wirkung in Indien ist so enorm, dass sie hier jede Mühe wert ist.

Können Sie ein, zwei Lebensgeschichten mit uns teilen, bei denen Menschen durch Ihre Arbeit verändert worden sind?
Pranitha ist eine junge Frau aus einer Dalit-Gemeinschaft, die eine schwere Kindheit durchgemacht hat, in grosser Armut lebte und viele Demütigungen über sich ergehen lassen musste. Ihr Vater verdiente als Lastwagenfahrer nur sehr wenig Geld und es reichte kaum, um die Familie zu ernähren. Dank unserer Schule konnte sie eine gute Schulbildung geniessen. Ihr Ehrgeiz und ihre Resilienz halfen, dass sie es bis zum Apotheker-Studium schaffte und nun einen tollen Abschluss hat, der es ihr erlaubt, in Würde genug Geld zu verdienen. Ja, sie kann sogar eine Arbeit machen, die sie liebt. Zurzeit arbeitet sie in unserem medizinischen Team mit und es ist ihr wichtig, sich in ihrer Gemeinschaft zu investieren. Über ihre Schulzeit sagt sie: «Die Lehrer haben unser Selbstvertrauen gestärkt und uns das Vorurteil der Unberührbarkeit aus unseren Herzen ausradiert.»

Oder da ist Lakshmiamma, 40 Jahre alt, die vor fünf Jahren erstmals mit einem unserer Teams in Kontakt kam, als sie noch als Jogini arbeitete. Jogini ist der Ausdruck für Tempelprostituierte – diese Frauen «dürfen» von allen Männern aus dem Dorf für Sex benutzt werden. Sie war eine depressive Frau ohne jegliche Hoffnung für ihre eigene Zukunft oder die ihrer Kinder. Mit 7 Jahren verliess sie die Schule, nachdem sie als Jogini geweiht wurde. Somit hatte sie keine Bildung, lernte keinen Beruf und hatte keine Alternative, sich ein Einkommen zu erarbeiten.

Als im Jahr 2012 unsere Mitarbeiterinnen ihr Dorf besuchten, hörte sie erstmals, dass der Ausstieg aus dem Jogini-System möglich ist. Es brauchte noch viele Treffen mit dem Team, bis sie ihre Bedenken und Ängste überwand und den Mut fand, entgegen dem Druck der Dorfgemeinschaft den Ausstieg zu wagen. Kurz darauf bewarb Lakshmiamma sich als Helferin bei unserem Team und hält nun selber Seminare zur Aufklärung. Denn in den Dörfern haben die Menschen ein romantisches Bild von den Joginis/Tempelprostituierten, den Frauen, die einer Gottheit geweiht sind und damit das Unglück über dem Dorf abwenden. Sie klärt die Familien auf, um was für eine demütigende, schädliche Arbeit es tatsächlich geht und setzt sich dafür ein, dass keine Mädchen mehr geweiht werden. Sie wurde für ihren Einsatz und die Verhinderung von einer Jogini-Weihnung einer Zwölfjährigen von der Bezirksregierung ausgezeichnet.

Was berührt Sie bei Ihrer Arbeit besonders?
Die Lebensgeschichten aus Indien führen mir vor Augen, dass jeder Mensch mit einem grossen Potenzial und Würde ausgestattet ist. Nur habe ich das Glück, in der Schweiz geboren zu sein, wo dies – Gott sei Dank – fast selbstverständlich ist. Ganz anders als die Kinder in den kärglichen Behausungen am Strassenrand in Indien. Dass durch diese Schulen und Projekte Kinder ihre Würde wiedererhalten und ihr Potential auch entfalten können – das motiviert und berührt mich zutiefst.

Zur Webseite:
Dalit Freedom Network Schweiz

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