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Lust und Frust des Limits

Wenn Menschen an ihre Grenzen stossen

Grenzerfahrungen sind etwas typisch Menschliches. Einerseits stossen wir an Grenzen und fühlen uns bedrängt. Andererseits brauchen wir sie. Was, zum Beispiel, ist das sogenannte «Dach über dem Kopf» anderes als eine Begrenzung? Doch die Frage ist, wie wir mit diesen Grenzen in und um uns umgehen.

Klettern
Quelle: Unsplash

Da ist Marc, 50. Der Bauingenieur arbeitet in der Verwaltung einer Wohnbaugenossenschaft – jedenfalls bis vor einer Weile. Plötzlich aber ging gar nichts mehr. Natürlich hatte er bemerkt, dass er schon lange zu viel arbeitete und zu wenig schlief, dass der Stress immer mehr wurde. Aber er war doch leistungsfähig. Jetzt muss sich Marc von Freunden und Bekannten anhören, dass die Wissenschaft festgestellt hätte, dass es in Wirklichkeit gar kein Burn-out gibt. Das würde er so gern glauben und einfach wieder arbeiten, doch er hat jetzt Grenzen – sehr enge Grenzen –, über die er momentan nicht hinwegkommt.

Da ist Karen, 37. Die Polizistin lebt nach dem Motto: Normal ist für andere. In ihrer Freizeit treibt sie gern Sport, je extremer, desto lieber: Paragliding, Rafting, Bungee-Jumping, Soloklettern oder Downhill-Fahren. Sie hat den Eindruck, dass da immer «noch was geht», sie ihre eigenen Grenzen noch etwas erweitern kann. Dafür geht sie hohe Risiken ein und liebt den Adrenalinschub, den sie dabei erfährt.

Das sind nur zwei von unendlich vielen Grenzerfahrungen. Der eine wird gegen seinen Willen über seine Grenzen und Kräfte hinaus belastet, die andere sucht das Leben am Limit geradezu. Die Grenze oder den Umgang damit scheint es also nicht zu geben. Aber es ist vielleicht hilfreich, sich die verschiedenen Grenzen im Leben einmal bewusst zu machen.

Die Grenze in mir

Dabei geht es zunächst noch nicht einmal um unsere persönlichen Leistungsgrenzen – dass der eine einen Marathon läuft und der andere nach fünf Treppenstufen bereits ausser Atem ist. Nein, ich als Person habe Grenzen. Deshalb bin ich ich und nicht du. Ohne Abgrenzung gibt es kein Ichbewusstsein. Ohne Ichbewusstsein keine Identität. Ich kann mich letztlich nur als Person begreifen, wenn ich mich von anderen unterscheide, abgrenze.

Das ist scheinbar schon von Anbeginn in uns verankert. «Da bildete Gott der Herr den Menschen, Staub von der Erde, und blies den Odem des Lebens in seine Nase, und so wurde der Mensch eine lebendige Seele», heisst es in der Schöpfungserzählung in 1. Mose, Kapitel 2, Vers 7. Dass der Mensch sich als Individuum wahrnahm, wird zum Beispiel daran deutlich, dass er laut Erzählung zunächst kein passendes Gegenüber fand (Vers 20). Im Sinne des Idealismus könnte man sagen: Ohne den anderen, von dem ich mich abgrenze, kann ich mich selbst nicht denken.

Schöpfung zieht Grenzen

Wer die ersten Kapitel der Bibel aufschlägt, der erlebt dabei eine Explosion der Kreativität. Übersprudelnd entsteht unfassbar viel Neues. Und es entsteht – Sie haben es sich schon gedacht – durch Abgrenzung: «Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war; da schied Gott das Licht von der Finsternis» (1. Mose, Kapitel 1, Verse 3-4). Der unendliche (grenzenlose!) Gott erschafft etwas, indem er Grenzen zieht. So hat auch mein Menschsein tatsächlich von Anfang an etwas mit meiner Begrenztheit zu tun und zwar – egal wie Sie die Schöpfungserzählung der Bibel verstehen – von Anfang an. Nicht Sünde hat den Menschen zuerst begrenzt, sondern Schöpfung, denn fliegen konnten wir noch nie, genauso wenig wie uns ungeschlechtlich fortpflanzen.

Grenzen um mich herum

Dass ich auch Grenzen um mich herum habe, wird mir nicht nur im Urlaub deutlich, wenn ich nach meinem Pass gefragt werde, um eine Ländergrenze zu überqueren. Das beginnt schon in einem normalen Gespräch, bei dem mir mein Gegenüber immer weiter «auf die Pelle rückt». Selbst ohne Corona liegt der Wohlfühlabstand beim Kontakt zu anderen Menschen bei 1,20 bis 2,50 Meter. Ein Vorrücken in den Bereich darunter, die persönliche Distanz, wird oft als grenzüberschreitend empfunden.

Dieses Bedürfnis nach Abgrenzung ist von Person zu Person unterschiedlich. Und diese Unterschiedlichkeit gehört zum Leben dazu: das Spüren meiner eigenen Grenzen, das Setzen davon und auch das Akzeptieren der Grenzen anderer. Die christlichen Psychologen und Autoren Henry Cloud und John Townsend unterstreichen: Um als Menschen aufzublühen und seelisch und geistlich gesund zu sein, brauchen wir sowohl Nähe als auch Grenzen.

Nähe und Grenzen bei Jesus

Jesus lebte Nähe wie kaum jemand sonst: Jahrelang zog er zusammen mit seinen Schülern durchs Land, nicht nur vormittags zur Schulzeit, sondern rund um die Uhr. Er machte sich wirklich greifbar. Und gleichzeitig setzte er Grenzen oder entzog sich. Auf den Vorwurf: «Jedermann sucht dich!», antwortete er seinen Freunden nur: «Lasst uns in die umliegenden Orte gehen» (Markus, Kapitel 1, Vers 35ff). Den einen war er oft zu nah (bei den Sündern), den anderen zu abgegrenzt. Und Jesus hatte weder Probleme damit, noch mit der Enttäuschung, die er dadurch verursachte. Wie Jesus mit seinen Grenzen und denen anderer Menschen umging, wäre noch einmal ein Thema für sich. Auch in Bezug darauf, ob jemand, der Gottes Willen tut, dadurch überlastet werden kann.

Meine Grenzen verschieben

Aber wie Jesus mit seinen Grenzen umgegangen ist, ist die eine Seite, die andere Seite ist, wie er mit meinen Grenzen umgeht. In vielerlei Hinsicht respektiert er sie. In den Evangelien ist nie davon die Rede, dass Jesus Menschen bedrängte: «Entscheide dich endlich. Du musst an mich glauben…», allerdings mutet Gott Menschen auch so einiges zu. Das beginnt bei Petrus, der sich geradezu vor Heiden und unreinem Essen ekelte, und dessen Grenzen Gott ziemlich drastisch erweiterte (Apostelgeschichte, Kapitel 10), und es geht bis hin zu Hiob, der so viel leiden musste, dass er den Tag seiner Geburt verfluchte. Ob die Beispiele so drastisch sind wie bei ihm oder etwas erträglicher: All diesen Menschen ist gemeinsam, dass sie zwar an Gott glaubten, aber trotzdem bis an ihre Grenzen geführt wurden – oder auch darüber hinaus.

Denken Sie noch einmal an Marc und Karen. Sie hat es geradezu darauf angelegt, ihre Grenzen zu erweitern. Er fühlt sich ganz offensichtlich unfreiwillig in seine neuen Grenzen verwiesen. In diesem Spektrum findet auch mein Leben statt. Da kann es schon hilfreich sein, die positiven oder allgemeinen Seiten von Grenzen zu sehen. Und vielleicht tröstet es Sie zu hören: «Gott aber ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet» (1. Korinther, Kapitel 10, Vers 13) – vielleicht ärgert es Sie auch, weil Sie gerade den Eindruck haben zu zerbrechen.

Die Bibel enthält zwar etliche Aufforderungen zum Vertrauen, aber kein Patentrezept zum Umgang mit den eigenen Grenzen. Stattdessen erzählt sie Geschichten von Menschen wie David, Petrus, Jeremia oder Maria Magdalena. Diese Geschichten sind keine Anhängsel der wirklich wichtigen Wahrheiten. Es sind die wirklich wichtigen Wahrheiten. Deshalb sind diese Berichte so existentiell wichtig, genauso wie die Lebensberichte anderer Menschen. Sie sind und bleiben subjektiv. Aber sie helfen uns, Antworten auf die Frage zu finden, wie wir mit unseren Grenzen umgehen können.

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