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Umstrittener Schöpfungsglaube

«Diskussionen über weltanschauliche Fragen sind wichtig»

Der mediale Umgang mit Themen rund um die Weltentstehung wirft Fragen auf. Der pensionierte Unternehmensanwalt und Alpinismus-Experte Jürg Nef (67)

Jürg Nef
Quelle: Livenet

setzt sich für ausgewogene Berichterstattungen ein. Livenet traf ihn in Zürich und wollte wissen, was hinter seiner Motivation steckt. Livenet: Jürg Nef, was fasziniert Sie am Alpinismus?
Jürg Nef:
Es ist eine berufliche und private Passion. Privat bin ich seit Jahrzehnten als Bergsteiger in den Alpen unterwegs. Früher eher sportlich, klettermässig. Heute geht es mir vor allem darum, die Schönheit der Berge zu geniessen. In der Schweiz sind wir ja besonders privilegiert. Beruflich habe ich doktoriert mit einer Arbeit über Haftpflicht des Bergsteigers. Als Versicherungsanwalt habe ich ausserdem Fälle bearbeitet mit Unfällen von Alpinisten. Ich schreibe gelegentlich auch in den Medien über diese Themen.

Wie wichtig ist die Evolutionstheorie für Sie als Alpinismus-Experte?
Die Alpen sind ein grosses Gebirge und sie haben sichtbare, komplexe Strukturen. Hier ist die Frage immer wieder spannend: Wie sind sie eigentlich entstanden – evolutiv oder durch andere Vorgänge? Die Evolutionslehre ist heute nicht nur in der Geologie präsent. Sie beherrscht die Wissenschaft, wenn es um die Frage geht: Wie ist die Welt entstanden? Das hat die Menschen schon immer stark beschäftigt. Die Evolutionslehre macht ja geltend – stark vereinfacht gesagt – die Welt habe sich durch zufällige Prozesse in der Vergangenheit so entwickelt, wie sie heute ist. Dieses Denken ist eine Herausforderung.

Und die Schöpfungsgeschichte?
Das Wort Schöpfung sagt ja bereits, dass hier eine ganz andere Weltanschauung zu Grunde liegt, nämlich die Überzeugung, dass ein Schöpfer existiert, der die Welt erschaffen hat – und nicht der Zufall. Nach dem christlichen Weltbild ist es Gott, der als Schöpfer gewirkt hat. Die beiden Vorstellungen stehen heute in starker Konkurrenz zueinander. Es gab ja schon immer einen Kampf darum, wer die Welt schlüssig erklärt. Woher kommen wir? Wenn wir das wüssten, gäbe dies auch eine Antwort auf die Frage, wer wir sind.

Wissenschaft und Schöpfung – inwiefern ist das vereinbar?
Man muss bei all diesen Diskussionen zunächst auseinanderhalten: Was ist Wissenschaft und was ist Glaube? Die Wissenschaft stellt Hypothesen auf und beobachtet, was wir in der Natur sehen können – es geht hier also um die Vorgänge, die heute passieren. Alles, was darüber hinausgeht, betrifft die Ebene des Glaubens. Schöpfung und Evolution sind Vorgänge in der Vergangenheit. Man kann sie nicht direkt beobachten, sondern quasi nur ihre Fussabdrücke studieren und dann fragen: Welches ist die beste Erklärung? Die Frage der Wahrscheinlichkeit steht deshalb bei allen Geschichtswissenschaften im Zentrum, auch bei der Evolutionslehre. Es gibt dort keine strikten Beweise, vielmehr nur eine Logik, die mich überzeugen kann oder auch nicht. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel hat auch eine bestimmte Logik, aber sie betrifft den Glauben und ist kein wissenschaftlicher Beweis.

Wie erklären Sie sich den heutigen Umgang mit der Schöpfungsgeschichte?
Früher prägte der christliche Glaube unsere ganze Kultur. Er wurde nicht in Frage gestellt, heute schon. Natürlich steht es heute jedem frei, das zu glauben, was ihn überzeugt. Zum Glück ist das so. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel steht aber im Kreuzfeuer, vor allem wenn man sie wissenschaftlich und zugleich wörtlich interpretiert. Die Bibel sagt ja, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen. Das kann man glauben, aber wenn man es wissenschaftlich begründen will, kriegt man Probleme. Wissenschaftler auf der anderen Seite stehen immer in der Gefahr der Grenzüberschreitung in den Bereich des Glaubens. Das heisst, ihre angeblich wissenschaftlichen Beweise sind häufig Glaubensannahmen.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Die Medien haben die Rolle, dass sie Informationen verkürzen, zuspitzen, auf den Punkt bringen oder auch einmal in Frage stellen. Die säkularen Medien sind bei Fragen von Religion und Glauben sehr kritisch. Das ist ihr gutes Recht. Auf der anderen Seite aber darf man die Evolutionslehre praktisch nicht kritisieren. Sonst ist man sofort starkem Gegenwind ausgesetzt. Aber es ist doch das Wesen der Wissenschaft schlechthin, dass sie Kritik zulässt, sogar fordert. Wissenschaft beruht auf dem freien Wettbewerb der Gedanken. Darum ist es ein Selbstwiderspruch, wenn die Evolutionisten jegliche Kritik an ihrer Lehre quasi verbieten. Wissenschaftliche Erkenntnis ist nie zu Ende, sondern immer auch der aktuelle Stand des Irrtums.

Kürzlich berichtete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) über eine Exkursion der christlichen Studiengemeinschaft Wort und Wissen auf dem Stockhorn. Ist der Bericht der NZZ ein Paradebeispiel für den medialen Umgang mit dieser Thematik?
Wie gesagt, die Evolutionslehre darf man eigentlich nicht kritisieren. In dieser Hinsicht war der Bericht typisch. Doch er war schon auch extrem, weil er die Kritiker der Evolution mit den Irrköpfen verglich, die noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Normal ist dieser Ton zum Glück noch nicht. Er passt auch nicht zur NZZ, die sich als Qualitätszeitung versteht, die ein differenziertes Urteil abgibt und nicht einfach Andersdenkende verhöhnt.

Sie haben zum NZZ-Artikel einen medienkritischen Leserbrief geschrieben (Livenet berichtete). Was hat Sie dazu veranlasst?
Ich hatte mehrere Beweggründe. Als Teilnehmer der Exkursion erlebte ich die christlichen Wissenschaftler als differenziert, seriös und ernsthaft. Und ich kenne ihre ausgezeichneten Lehrbücher. Ausserdem teile ich ihren christlichen Glauben. Als dieser NZZ-Redaktor seinen Angriff publizierte, der unter der Gürtellinie stand, fühlte ich mich ein Stück weit mitbetroffen. Deshalb sagte ich mir: Moment, das kann man so nicht stehen lassen, nicht in der NZZ.

Sollen sich Christen mehr gegen voreingenommene Berichte wehren?
Ja, unbedingt. Auch wenn solche negative Berichte mühsam sind, bieten sie immerhin noch eine Bühne, wo man sich begegnet. Fragen des christlichen Glaubens werden heute in einer säkularen Welt eher tabuisiert. Dass die NZZ sie zur Diskussion stellt, ist an sich positiv. Denn jeder glaubt irgendetwas. Auch der atheistische Wissenschaftler hat einen Glauben, eine bestimmte Überzeugung über die sogenannten letzten Fragen. Und das christliche Weltbild bietet spannende Antworten. Der Austausch darüber ist lohnend. Doch er ist nur fruchtbar, wenn er im gegenseitigen Respekt geführt wird.

Wie sehen Sie die Zukunft von solchen Diskussionen?
Das ist schwer zu beantworten. Aber die jüngste Entwicklung hat gezeigt: Der Ton wird eher härter und heftiger. Das kompromisslose Schwarz-Weiss-Denken nimmt zu. Viele sind kaum bereit, einmal einfach in die Schuhe des Gegenübers zu treten und seine Sicht zu verstehen. Das ist schade. Trotzdem finde ich, die Diskussionen über weltanschauliche Fragen sind wichtig und sollen geführt werden. Denn da geht es um Fragen, die alle beschäftigen.

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