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Mit dem Sterben konfrontiert

«Allein durch Gottes Kraft habe ich es geschafft»

Sandy Bucher lebt seit Jahren mit dem Grossvater Ihres Mannes im selben Haus. Als dieser zum Pflegefall wird, weiss sie: Sie will ihm den Wunsch ermöglichen, zu Hause zu sterben. Ein persönlicher Bericht über Lachen, Weinen, Abschied und die Erfahrung, dass Gott durchträgt.

Sandy Bucher mit dem Grossvater ihres Mannes
Quelle: zVg
Sandy Bucher versteht sich bestens mit dem Grossvater ihres Mannes
Quelle: zVg

Januar 2018 – unser Opi stürzt beim Sockenanziehen vom Sessel und verletzt sich am Kopf. Bis dahin haben wir bereits zwölf Jahre unter einem Dach gewohnt und helfen uns immer gegenseitig. Nun ist er nach seinem Sturz schon etwa zehn Tage im Krankenhaus unter Beobachtung und es ist guter Rat teuer, wie es nach seiner baldigen Entlassung weitergehen soll. Wir wissen, er wird nun noch mehr Hilfe und Pflege brauchen.

Ich liebe Opi und weiss genau, dass es sein grösster Wunsch ist, zu Hause alt zu werden. Niemals wollte er in ein Pflegeheim oder gar in ein Krankenhaus und dort irgendwann sterben müssen. Als Familie von nah und fern sitzen wir zusammen und diskutieren hitzig, als ich spüre, dass Gott mir innerlichen Frieden gibt. Ganz plötzlich gibt es für mich keine Frage mehr: Ich will Opi begleiten! Keine Ahnung, wie es werden wird, aber ich weiss, was Opi will und ich weiss, dass Gott, mein Mann und mein Schwager bei mir sind.

Von der Theorie zur Praxis

Ich telefoniere viel mit der Krankenkasse und kümmere mich ganz plötzlich um Dinge, die vorher nie wichtig waren. Bis Opi dann eines Tages mit Halskrause heim kommt und die Theorie zur Praxis wird. Wir empfangen ihn liebevoll im neu eingerichteten Wohnzimmer inklusive Pflegebett. Ausgerichtet mit Blick auf den Garten, wo die Kinder regelmässig spielen.

Die nächsten Wochen sind sehr herausfordernd. Es muss sich viel einpendeln, fast wie mit einem neugeborenen Säugling. Nächtliches Wasserlassen, oft alle 30 Minuten, das Opi über eine Klingel in den dritten Stock, in dem ich schlafe, bekannt gibt. Zu Anfang führe ich Buch darüber, um eine Verbesserung zu beobachten. Nach mehreren schlaflosen Wochen muss eine andere Lösung her. Ich stelle auf Windeln in der Nacht um und rede Opi ins Gewissen, dass es ok ist, nachts Wasser zu lassen und dass das Bett nicht nass werden wird... Erste Anzeichen, dass sein Kopf noch richtig funktioniert, aber der Köper nicht mehr kann. «Du machst nichts falsch, Opi, es ist ok.»

«Ich weiss, warum ich hier bin»

Jeden Morgen komme ich früh ins Zimmer, nachdem ich meine Kleinste im Morgenakkord in den Kindergarten gebracht habe, öffne die Rollläden – und Opi lacht mich an. Mein Herz geht auf. Ich weiss, wieso ich hier bin. Wir frühstücken gemeinsam: einen Kaffee, zwei Brote mit Honig und Käse, geschnitten in kleine Würfel. Doch von Woche zu Woche dauert jede Mahlzeit länger. Ich merke ihm an, dass er nicht mehr essen will. Eigentlich will er nicht am Tisch sitzen. Nicht mehr lesen. Er möchte schlafen und das den Grossteil des Tages. Seine Kraft lässt nach. Ab und zu puzzeln wir oder schauen gemeinsam Familienbücher an. Eine schöne Zeit. Wir lachen gemeinsam.

Ein neuer Schub. Er vergisst manchmal, wer ich bin. Dass ich ihn gerade noch gewaschen, angezogen und gefüttert habe. Das tut weh, aber ich versuche, mich zu erinnern, weshalb ich es tue. Weil ich ihn liebe und weil Gott mit uns ist. Ich lerne, das Chaos des Alltags auszuhalten: Kids versorgen, an mehreren Orten zur selben Zeit sein, Wäsche waschen, Windeln wechseln, Essen kochen, eine Predigt schreiben, Mutter und Ehefrau sein... Ich erinnere mich an die schönen Monate, die wir oft einfach zu zweit am Tisch sassen. Manchmal wortlos. Ich fühlte mich gesegnet, einfach weil er da war. Opi – die Freude in Person.

Intensive Wochen

Die letzten drei Monate sind körperlich und psychisch hart. Täglich denkt man, es geht zu Ende. Opis Tochter kommt mir eine Weile zur Hilfe. Intensiv ist es. Beten, Lachen, Weinen...

Opi will das Leben nicht loslassen. Er schläft keine Nacht. Nickt er kurz ein, wacht er panisch wieder auf und ruft nach uns aus Angst, alleine zu sein. Ich singe für Opi und spüre, wie es ihm besser geht (von der Outbreakband): «Wir sind frei von jeder Angst und frei von jeder Schuld. Unser Gegner machtlos, wir sind frei in Christus. Sein Sieg ist auch unser, wir sind keine Sklaven mehr. Nichts ist uns unmöglich, wir sind frei in Christus. Sein Tod schenkte uns Leben. Sünde herrscht nicht mehr. Wir sind frei in ihm. Die ganze Welt wird sehen: Er allein ist Herr.»

Pflegerisch wird es kritisch. Ich suche den Arzt aufgrund der Verschlechterung der von mir bisher gepflegten Nekrose auf. Der Arzt ist zuerst sprachlos und sagt dann, Opi müsse innerhalb der nächsten Tage ins Krankenhaus zur Amputation des Beines. Ich bin fassungslos, Tränen strömen: Was soll das? Waren all die Mühen umsonst gewesen? Würde Opi mit seinen 96 Jahren und seinem Gesundheitszustand eine Narkose, Amputation und Genesung im Krankenhaus überstehen? Er will doch zuhause sterben. Das wollte ich ihm ermöglichen. Waren die letzten 1,5 Jahre umsonst? Sicher nicht. Sowieso haben er und ich viel gewonnen.

Aber war das das Ende? Gott, ist das ernsthaft dein Wille? Ein Vers aus Psalm Kapitel 56 begleitet mich: «Doch gerade wenn ich Angst habe, will ich mich dir anvertrauen.»

Auf Wiedersehen im Himmel

Am Nachmittag nach dem Arztbesuch spreche ich mit Opi. Ich erkläre ihm die Situation. Er sagt nein. Ich sehe seine Angst. Stark bleiben... Ich sage ihm, es gäbe keine Wahl. Der restliche Tag verläuft normal, füttern, waschen, umziehen, lagern... Wir beten wieder gemeinsam. Ich wünsche ihm eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen begrüsste mich kein Lächeln. Er war äusserlich, körperlich bereits weg. Wir verabschiedeten uns von ihm. Ein letzter Kuss. Dann ging er heim. Zum richtigen Zeitpunkt. Ohne Schmerzen. Von Zuhause aus. Wie er es wollte. Trotz aller Zweifler.

Heute frage ich mich ab und zu: Wie ging das alles? Woher kam die Kraft und meine Entschlossenheit? Ich glaube fest daran, dass es allein Gottes Kraft und Gnade waren, die mich das alles schaffen liessen. Er schenkte mir Familienmitglieder, die beteten, tatkräftig halfen, er schenkte mir Weisheit und Power, Geduld und unendlich viele, schöne Erinnerungen! Danke, Jesus. #seeyouinheavenopi

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