Colin Portmann

Jesus, Asperger und ich

«Colin liest uns nun den Bibeltext vor.» Der Moderator lädt Colin ein, nach vorne zu kommen. Ein älterer Mann geht langsam und in aufrechter Haltung nach vorne. Sein Auftreten fällt auf, aber was genau an ihm auffällig ist, ist schwer zu sagen. Vorne angekommen, setzt er sich eine Lesebrille auf: «Ich lese aus dem Evangelium des Matthäus.» Und dann folgt eine Textlesung, welche die Besucher des Gottesdienstes nicht so schnell vergessen werden. Der Bibeltext wird klar und deutlich vorgelesen. Colin setzt an den richtigen Orten Pausen und liest sehr angenehm vor – man könnte ihm lange zuhören.
Colin Portmann
Colin auf dem Weg zum Gottesdienst

Dass Colin Portmann nach vorne kommt, um einen Bibeltext vorzulesen, ist nicht selbstverständlich. Seit 13 Jahren weiss er um seine Diagnose: Er leidet unter dem «Asperger Syndrom», einer Form von Autismus. Betroffene tun sich schwer, mit anderen Menschen zu interagieren, sich in sie hineinzufühlen und Empathie zu zeigen. «Eigentlich habe ich ein grosses Bedürfnis nach Rückzug und gleichzeitig habe ich ein Bedürfnis nach Kontakt», meint Colin. «In der Gemeinde bin ich am liebsten ganz hinten, da fühle ich mich sicher.»

Ein spannendes Leben

1949 wird Colin in den USA geboren. Die Mutter ist eine deutsche Jüdin, die damals vor den Nazis flieht; der Vater ein Berner. 1952 wechselt die Familie ihren Wohnsitz in die Schweiz und landet schliesslich in Bern, wo Colin den grössten Teil seiner jungen Jahre verbringt. Der Hang zum Rückzug in seine eigene Welt erlebt Colin schon früh. Sein Bruder, der acht Jahre nach ihm das Licht der Welt erblickt, lässt ihm oft nicht die Ruhe, die er eigentlich braucht.

Er darf zu seiner Tante ziehen, der Schwester des Vaters. Dort hat er ein Zimmer und dort hat er Ruhe. Seine Tante besucht die «Kirche» der Christlichen Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert von einer Frau namens Mary Baker gegründet wurde. Die Tante ist überzeugt, dass man nur richtig denken muss, dann gelingt alles, was man will und man wird nicht krank. Denn laut der Christlichen Wissenschaft ist Materie nur Einbildung. Dieses Gedankengut prägt den jungen Colin. Nach dem erfolgreichen Abschluss am Wirtschafts-Gymnasium und der Rekrutenschule findet er 1971 eine Anstellung beim Bankverein Bern in der Rechnungsabteilung und damit den Einstieg ins Berufsleben. Zum ersten Mal in seinem Leben geht er in ein Restaurant essen!

Colin findet zu Jesus

Durch einen Freund aus der Gymnasialzeit gelangt Colin nach Genf, wo im April 1972 Wilhelm Pahls Vorträge in der Stadtmission Genf hält. Colin wird von Gottes Ruf berührt, geht zu einer Aussprache nach vorne – aber er ist noch nicht so weit, sein Leben Jesus zu geben. Er merkt, dass die Botschaft des Evangeliums völlig im Widerspruch zur Lehre seiner Tante ist. Nicht richtig denken ist gefragt, sondern glauben, dass Gott für unsere Fehler, Sünden, Krankheiten und Schwachheiten gestorben ist.

Colin findet Unterschlupf in der Stadtmission und fühlt sich zum ersten Mal einfach wohl. Einige Zeit später spricht sich Colin mit dem damaligen Stadtmissionar aus und gibt sein Leben Jesus.

Sieben Jahre wohnt er in der Stadtmission. Es ist eine Phase, in der er viel Freiheit und Begegnungen erlebt. Damals weiss Colin noch nicht um seine Diagnose. Dies geschieht erst 40 Jahre später. Aber die Symptome sind schon lange sichtbar.

«Hat Jesus mich überhaupt verändert?», fragt sich Colin heute manchmal. Nein, im Bereich seiner Erkrankung nicht, denn Asperger gilt als unheilbar. Aber was wäre aus Colin geworden, wenn er nicht die vorbehaltslose Annahme von Jesus erlebt hätte?

Der Glaube an Jesus öffnet Colin die Tür zur Grundsprache des Alten Testaments und der Kultur zum modernen Israel. 1978/79 besucht er mit einem befreundeten Ehepaar Israel. 1979 arbeitet er im Ölberg-Bibelcenter von Jerusalem und lernt in der Schule und im Alltag von Jerusalem die Grundlagen der hebräischen Sprache. Bis heute sind Bücher und Sprachen seine Leidenschaft. Heute sitzt er am liebsten in der Bücherabteilung einer Brockenstube und liest stundenlang. Seit Jahren besucht er Hebräisch-Unterricht und wenn er könnte, würde er am liebsten noch Chinesisch lernen.

Heirat, Scheidung und Asperger

Mit 40 Jahren hat Colin geheiratet. «Ich war damals noch gar nicht richtig erwachsen», meint er nachdenklich. Seine Frau ist Amerikanerin und Pflegefachfrau. «Meine Einschränkungen waren wohl vorhanden, aber im Licht ihrer Person waren sie nicht so sichtbar.» Mindestens für eine kurze Zeit.

Das Paar kann keine Kinder bekommen und so adoptieren sie zwei Waisenkinder. Diese Herausforderung von Ehe und Adoptivkindern entsprechen überhaupt nicht dem Rückzugsbedürfnis von Colin. Die Ehe macht katastrophale Krisen durch. Die ganze Familie zieht im Jahr 2000 in die USA, aber die Trennung ist trotz Eheberatung nicht mehr aufzuhalten.

Als die Scheidung vorüber ist, fühlt sich Colin erleichtert: «Ich bin sehr glücklich, endlich mit mir allein zu sein.» Und so zieht er wieder nach Bern. Erst als ihn im Jahr 2008 eine junge Frau darauf anspricht, dass mit ihm etwas einfach nicht stimmt, kommt er zu einer Psychiaterin für Autismus, die ihm die Diagnose Asperger stellt. Zehn Jahre lässt er sich behandeln. «Verstecken Sie sich nicht hinter der Etikette Asperger», gibt ihm die Psychiaterin mit auf den Weg.

Die lieben Christen

Colin ist immer in eine Freikirche gegangen, aber «die Christen tun sich oft schwer und sie sind mit mir überfordert». Das verstärkt in ihm die Rückzugsstrategie. «Manche Christen wollen mich verändern, andere lehnen mich ab, weil ich zu schwierig bin. Ich passe nicht in dieses 08/15- Schema.» Zum Teil kann er gut verstehen, dass andere erst einmal überfordert sind. «Christen verhalten sich manchmal so unchristlich, sie erwarten so viel Vollkommenheit.» Dabei habe ich Jesus in den Evangelien anders verstanden. Er ist doch wegen unserer Unvollkommenheit Mensch geworden!

Als Colin vor mehr als einem Jahr in die FEG Köniz kommt, fühlt er sich sofort angenommen. Am Anfang hat er einfach das Geschirr abgetrocknet und war ganz überrascht, dass man ihm eine Aufgabe zutraut! «Das habe ich noch nie erlebt.» Später liest er regelmässig Bibeltexte im Gottesdienst vor. Als Colin mir im letzten Gespräch sagt: «Du bist ein Pastor auf Augenhöhe», da hat mich das schon sehr berührt und ich habe mich gefragt, ob nicht die christliche Gemeinde der Ort ist, wo Menschen wie Colin Heimat finden müssten, auch wenn sie nicht ins Schema passen.

Colin ist anders, wohltuend und herausfordernd anders – und er ist eine Bereicherung für unsere Gemeinde(n).

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin der Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz (feg.ch).

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Datum: 27.07.2021
Autor: Harry Pepelnar
Quelle: feg.ch-Magazin

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