Wenn Karriere nicht alles ist

«Viele suchen nach Sinn im Leben»

«Der langjährige Nestlé-Topmanager Roland Decorvet hat 2014 sein schickes Büro gegen eine Schiffskoje auf einem Spitalschiff eingetauscht. Und sein fürstliches Gehalt gegen die Gewissheit, etwas Gutes zu tun.»
Roland Decorvet
Die «Africa Mercy»

«Der langjährige Nestlé-Topmanager Roland Decorvet hat 2014 sein schickes Büro gegen eine Schiffskoje auf einem Spitalschiff eingetauscht. Und sein fürstliches Gehalt gegen die Gewissheit, etwas Gutes zu tun.»

So beginnt die «Aargauer Zeitung Fricktal» vom 15. November ihr doppelseitiges Interview mit einem Mann, der aus innerer Überzeugung heraus mit seiner ganzen Familie ein Jahr auf dem Spitalschiff von «Mercy Ships» gelebt hat – bekanntlich ein Einsatz, der einem (erst recht einer ganzen Familie) einiges abverlangt. «Unsere Kabine ist tatsächlich etwa so gross wie früher unsere Garage», sagte er einmal zu «BILANZ». Decorvets Frau ist aus Madagaskar und er hat vier Töchter im Alter zwischen 12 und 17 Jahren.

Geld ist wichtig, Sinn ist wichtiger

Decorvets Karriere bei Nestlé war beeindruckend: Zwischen 1991 und 2014 war er Verkaufschef des Weltkonzerns für Malaysia, China, Hong Kong, dann Pakistan und Afghanistan; es folgte ein Abstecher als «Market Head» für Nestle in der Schweiz, worauf er noch einmal drei Jahre für die Grossregion China verantwortlich war. 2013 wurde er anlässlich der «Financial Leaders Annual Conference China» zum Geschäftsmann des Jahres erkoren.

Nicht nur Asien, sondern auch die wirtschaftlichen und sozialen Nöte Afrikas sind ihm sehr bekannt; schliesslich wurde er im Kongo als Sohn eines Pfarrers und Missionars geboren. «Das war eine raue, aber schöne Zeit.» Seine Familie lebte nicht im Villenviertel der Weissen, sondern mit armen Kongolesen zusammen; all das hat sicher mitgespielt, dass er seine Tätigkeit bei Nestlé 2014 beendete und als geschäftsführender Direktor auf das Spitalschiff «Africa Mercy» wechselte. Heute ist Decorvet Präsident der «Mercy Ships»-Ländergesellschaften Schweiz und Südafrika, und er lebt in Pretoria und in Aigle (VD). Für diese ehrenamtliche Tätigkeit – immerhin entspricht sie einem Pensum von 15 bis 20 Prozent – bekommt er keinen Lohn von «Mercy Ships»; «nicht einmal die Spesen werden bezahlt», so Decorvet.

Ein diskretes Christentum

Warum entscheidet sich ein Mann auf der Höhe seiner Karriere für solch einen radikalen Schritt und Schnitt? Decorvet stellt sich in eine Reihe mit vielen anderen: «Ich kenne Anwälte aus der Schweiz und Leute aus Marketingabteilungen aus Grossfirmen, die für drei Monate zum Putzen auf das Schiff gekommen sind», erklärt er. «Sie alle wollten einfach einen Beitrag leisten. Viele suchen nach Sinn im Leben. Nicht nur Leute in meinem Alter mit einer Midlife-Crisis. Viele sind bereit, beim Lohn oder bei der Lohnarbeit Abstriche zu machen, um etwas Sinnvolles zu tun.»

«Mercy» heisst «Gnade»: Bei den Spitalschiffen ist der Name Programm. Gnade ist nicht, etwas künstlich durch Spenden am Leben zu erhalten (gegenüber einer solchen «Hilfe» ist Decorvet kritisch), aber Gnade heisst sehr wohl, Menschen eine medizinische Hilfe anzubieten, die sie sich nie leisten könnten. So hat Mercy Ships bereits Tausende von Leben gerettet.

Gnade ist auch nicht sozial getarnte Selbstverwirklichung. Decorvet kennt die vielen Gründe, die Menschen auf ein solches Spitalschiff führen könnten: «In den Anmeldungen findet man einfach alles. Es gibt etwa Leute, die den Ausflug aufs Schiff mehr für sich selbst brauchen, die ihren Problemen entkommen wollen, weil sie etwa eine schwierige Scheidung hinter sich haben oder einen Nervenzusammenbruch, oder dann gibt es selbsternannte Erleuchtete. Wir hingegen suchen einfach Leute, die bereit sind, ein Opfer zu bringen, um ihren Nächsten zu helfen.»

Roland Decorvet ist Manager und Christ. Auf den «Mercy Ships» sieht er ein Christentum verwirklicht, «das ich gerne häufiger sehen möchte: ein diskretes Christentum, das sich durch Taten auszeichnet, dadurch, dass man seinen Nächsten hilft.»

Neues Spitalschiff: 200 Millionen und alles bezahlt

Im Moment liegt die «Global Mercy», das neue Schiff der «mercyships.org», in Antwerpen im Hafen und wird in einem halben Jahr zu einem hochmodernen Spitalschiff ausgebaut. Dieses grösste private schwimmende Spital der Welt hat 200 Millionen Dollar gekostet. Decorvet: «Alles ist bezahlt, wir haben keine Schulden.» Die grosse Herausforderung jetzt: nicht Geld, sondern Menschen. «Wir brauchen mehr Freiwillige an Bord, die mithelfen wollen. Früher waren es 1600, nun werden es etwa 3000 pro Jahr sein, die wir motivieren wollen, für ein paar Wochen oder Monate auf unsere Schiffe zu kommen, um zu operieren oder zu putzen.»

Nicht «nur» Geld, sondern sich selbst (hin)geben – das ist die Form der Gnade, die Gott wählte. Und durch die Christen aus allen Zeiten, arme und reiche, immer wieder die Welt ein Stück lebenswerter gemacht haben.

Zur Webseite:
Mercy Ships

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Datum: 25.11.2021
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / Aargauer Zeitung Fricktal

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